Kritik am (westlichen) Buddhismus #1: Fragwürdige Lehre

Für Menschen auf der Suche nach Orientierung und Sinn ist der Buddhismus die friedliche, tolerante, rationale Alternative zum Monotheismus. Der Dalai Lama wird gefeiert wie ein Popstar, Mönche verkaufen Apps und Bücher und selbst Atheist*innen betreiben Achtsamkeitsmeditation. Ist der Buddhismus die bessere Religion?

#1: Fragwürdige Lehre
#2: Schlechte Argumente, Unredlichkeit, Bullshit
#3: Selbstüberschätzung, Naivität, westliche Sehnsucht
#4: Furchtbare Lehre

Während die Kirchen stetig an Mitgliedern verlieren und sich richtig Mühe damit geben, diesen Mitgliederschwund zu rechtfertigen, erlebt der Buddhismus seit einigen Jahrzehnten eine Renaissance, die noch lange nicht am Ende zu sein scheint. Von den obligatorischen Buddha-Zitaten unter irgendwelchen Posts über unzählige „Selbst“-Hilfe-Bücher bis hin zur Erleuchtung beim Geschirrspülen dank Zen-Meditation: Der Buddhismus macht alles besser. Kein Wunder, denn dafür ist er ja da: für Seelenfrieden, als Mittel zur Beruhigung, für das persönliche Glück und das Loslassen des falschen Selbst. So hört man.

Was man sehr selten hört, ist Kritik. Während es zu Judentum, Islam, Christentum und anderen Religionen/Sekten von blankem Hass bis zur elaborierten Auseinandersetzung alles en masse gibt, finden sich zum Buddhismus vor allem Vorurteile, in denen er kategorisch abgeurteilt oder zum spirituellen Weg schlechthin stilisiert wird. Ersteres selten, letzteres sehr häufig. Einer der wenigen prominenteren Kritiker ist Slavoj Žižek, der sich aber vor allem auf westliche Auswüchse bezieht. In der Regel enden kritische Auseinandersetzungen mit dem Buddhismus, so wie viele andere Religionskritiken, mit folgendem Fazit: „Schon doof, dass da so viel Unsinn dabei ist, aber ursprünglich war das sicher nicht vorgesehen und im Kern ist das eigentlich eine sehr gute und schöne Sache.“

Abgesehen davon, dass die Versuche westlicher Buddhismus-Fans, diesen „Kern“ herauszuarbeiten in der Regel anmaßend sind und heftig kritisiert werden, bin ich der Meinung, dass auch der Buddhismus, ob innerhalb oder außerhalb eines vermeintlichen Kerns, eine schädliche Ideologie ist. Da ich, wie erwähnt, vor allem im Internet wenig Kritik gefunden habe, habe ich mich selber mit einigen Aspekten auseinandergesetzt, woraus vier Artikel geworden sind, die ich hier nach und nach veröffentlichen werde, einfach damit mal was da ist, worin auch auf mögliche Nachteile eingegangen wird.

Anatta: Ich denke, aber ich bin nicht

Ein zentrales Dogma der buddhistischen Weltanschauung ist die Aussage, dass es kein Selbst gibt, keine Seele. In unserem Alltag gingen wir (angeblich) von einem unveränderlichen Selbst aus, einem Kern, der uns als Person ausmacht. Diese Erfahrung von uns selbst als Selbst sei allerdings illusionär. Ein Selbst könne weder in der Außenwelt gefunden werden, noch in unseren Gedanken, Gefühlen oder Wahrnehmungen. Diese seien stets im Fluss und nichts davon sei das Selbst.[1] Kurz und grob: Ich kann mein Selbst nicht wahrnehmen, alles ist vergänglich, also gibt es kein Selbst.

Dieses Dogma wird in unterschiedlichen buddhistischen Strömungen unterschiedlich interpretiert (bzw. wurde in einigen wenigen Zweigen gar nicht so vertreten). Die Spannbreite an Deutungen reicht von plausiblen (wir sind kein ewig gleichbleibendes, von der Welt abgetrenntes Selbst) bis hin zu völlig absurden („Ich existiere nicht“) Interpretationen. Manche Interpret*innen möchten nur den Egoismus loswerden und die Menschen dazu bringen, anzuerkennen, dass sie im ständigen Austausch mit der Welt stehen und eben nicht isoliert existieren. Andere möchten, dass man alle Vorstellungen von sich selbst als illusionär aufgibt: Ich existiere nicht, weil ich heute ganz andere Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle habe als gestern oder noch vor einem Jahr. Mein Selbst ist nur etwas, das ich selber fabriziere.

Selbst zu den plausibleren Deutungen des Anatta-Dogmas gelangt man im Buddhismus aber auf recht merkwürdigen Wegen. Warum sprechen wir davon, dass das Selbst nicht existiert, nur weil es vergänglich und veränderbar ist? Wer behauptet, dass das Selbst ein Etwas sein muss, auf das ich zeigen kann und sagen: „Da ist es, das Selbst“? Die Möglichkeit, dass zwar weder Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen das Selbst ausmachen, dass sich aber vielleicht das Selbst in Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen äußert, wird nicht in Betracht gezogen. Ja, wir konstruieren bzw. erzählen unser Selbst, aber das macht es nicht inexistent: Meine wiederkehrenden Handlungsmuster, Fähigkeiten und vor allem Erinnerungen sind nicht zufällig, machen ausschließlich mich aus und können damit mein Selbst bilden. Die Frage, wer denn überhaupt Gedanken hat, wiedergeboren wird etc., wenn kein Selbst existiert, wird sehr häufig mit Metaphern und Gegenfragen umgangen. Das einzige, was relativ plausibel begründet wird, ist die Ablehnung eines ewigenfeststehenden Selbst.[2]

Viel abstruser als die Begründungen und Deutungen sind allerdings die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden. Der Glaube an ein feststehendes Selbst wird als Ursache allen Übels gesehen, weil dieser Glaube angeblich dazu führt, dass wir an materiellen Dingen anhaften, hassen können und gierig und egoistisch werden. Wer an ein Selbst glaubt, stellt dieses über alle anderen Menschen und kümmert sich vor allem um sich. Nur wer diese Vorstellung loslässt, kann wirklich altruistisch handeln.

Dass auch eine Person, die glaubt, ein feststehendes Selbst zu besitzen, altruistisch handeln kann, wird nicht in Erwägung gezogen. Auch erschließt sich nicht wirklich, warum jemand zwangsläufig altruistisch handeln sollte, sobald er*sie sich als Nichtselbst betrachtet, vielleicht sogar eher andersherum. Denn dass wir irgendwie Subjekte und in einer Woche nicht plötzlich jemand ganz anderes sind, wird ja nicht geleugnet. Einen ungerechten Vorteil, den ich mir verschaffe, kann ich also nach wie vor in der Zukunft nutzen, egal, ob ich nun eine unveränderliche Seele besitze oder nicht. Auch ist die Schlussfolgerung, man müsse das Selbst loslassen, weil es nicht unveränderlich, sondern selbst geschaffen ist, überhaupt nicht so zwingend wie oft suggeriert wird: Ich kann mir mein Selbstbild selber schaffen und dennoch aus guten Gründen daran festhalten (was Buddhist*innen vielleicht sowieso stillschweigend tun). Nur ich habe Zugriff auf meine Fähigkeiten, Erinnerungen, Gedanken und ich habe nur Zugriff auf meine Fähigkeiten, Erinnerungen und Gedanken. Sich daraus ein Selbstbild zu basteln, kann sehr nützlich sein und tatsächlich tun wir (Buddhist*innen eingeschlossen) das ständig, um eine Orientierung in der Welt zu haben.

Die ganze Sache ist, vor allem aufgrund der vielen möglichen Deutungen, relativ komplex und (teilweise absichtlich[3]) sehr diffus. Sie ist aber auch potenziell gefährlich: Wie soll ich Selbstreflexion betreiben, wenn ich nichts an mir als zu meinem Selbst zugehörig betrachte? Wenn jeder Gedanke, jedes Gefühl nur irgendwie in der Zeit herumschwimmt und nichts wirklich zu mir gehört, worauf sollte ich mich bei der Selbstreflexion beziehen? Vielleicht ist es auch gerade die Annahme eines gleichbleibenden Selbst, die uns moralisch handeln lässt. Einige „Erleuchtete“ scheinen ja zu glauben, sie hätten, eben wegen ihrer Erleuchtetheit, Selbstreflexion nicht mehr nötig, was durchaus schädliche Konsequenzen haben kann. 

Wie bei Hirnforscher*innen, die ähnliches vertreten[4], schließt sich an diese Behauptung das Problem der Verantwortlichkeit an und wie besagte Hirnforscher*innen geben Buddhist*innen des Öfteren inkonsistente Antworten. Manche legen den Fragenden lauter Zusatzannahmen in den Mund, die sie nicht gemacht haben, andere antworten auf die Frage, wer denn verantwortlich sei, wenn es kein Selbst gibt mit Bildern oder Parabeln, die exakt an der Frage vorbeigehen und anscheinend nur da sind, um Verwirrung zu stiften:

„[W]e likened the flow of consciousness devoid of a self to a river without a boat. So there’s no solid and permanent self that’s traveling like a boat on the river. That doesn’t prevent the water of the river from being either poisoned […] or remaining pure […]. So the fact that there’s no personal identity doesn’t in any way stop every action having a result.”

(„Wir haben den selbstlosen Bewusstseinsstrom mit einem Fluss ohne Boot verglichen. Das heißt, es gibt kein stabiles und dauerhaftes Selbst, das sich wie ein Boot auf dem Fluss fortbewegt. Das bewahrt das Flusswasser aber nicht davor, entweder vergiftet zu sein […], oder rein […] zu bleiben. Die Tatsache, dass es keine persönliche Identität gibt, verhindert also keineswegs, dass jede Tat eine Folge hat.“)[5]

Dass jede Tat eine Folge hat, bedeutet aber absolut nicht, dass deshalb jemand für diese Folge verantwortlich ist. Wenn nichts an mir gleich bleibt, bin ich auch nicht verantwortlich. Ich begehe eine üble Tat, aber eine Stunde später bin ich ja, da ich andere Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühle habe, schon wieder jemand ganz anderes bzw. war nie jemand. Wenn kein Jemand da ist, kann man aber nicht von Verantwortung sprechen, eigentlich nicht einmal von einer Tat. Es muss ein Subjekt da sein, das den Bewusstseinsstrom hat und diesen als den eigenen identifiziert (auch wenn er schon eine Woche oder ein Jahr alt ist), sonst ist auch niemand verantwortlich. Ein Bewusstseinsstrom, der frei in der Gegend herumfließt, hat keine Absichten und keine Verantwortung (und ist auch nicht wirklich ein Bewusstseinsstrom solange keine Person da ist, die das Bewusstsein hat).

Man kann auch hier wiederum höchstens behaupten, dass es kein ewiges, isoliert existierendes Selbst gibt. Das ist allerdings eine extrem banale Einsicht und ich weiß nicht, wie viele Menschen es gibt, die wirklich glauben, dass es abgetrennt von ihren Erinnerungen, Talenten, Prägungen etc. noch ein Extrateil gibt, das ihr unveränderliches Selbst ist. Woraus sollte das bestehen?

Wie so viele Ideen, die auf den ersten Blick nur ulkig wirken, kann auch das Dogma des Nichtselbst als Rechtfertigung für allerlei schreckliche Dinge herhalten. Beispielsweise bekommen Buddhismus-Interessierte oder -Schüler*innen auf kritische Nachfragen (z. B. zu fragwürdigen Verhaltensweisen des „Meisters“) des Öfteren die Antwort, sie hätten ihr Selbst noch nicht überwunden und könnten deshalb noch nicht verstehen, dass alle Taten und Äußerungen des Meisters richtig und wahr sind. Die Diagnose „Da ist noch zu viel Ego“ ist in entsprechenden Kreisen allgegenwärtig. Auch wurde die Idee, dass niemand ein Selbst hat und alle folglich eine Einheit sind, mitunter benutzt, um sexuellen Missbrauch von Zen-Schüler*innen zu rechtfertigen bzw. um zu konstatieren, dass ja niemand irgendwen missbraucht haben kann, da es ja eigentlich überhaupt keine Individuen gibt.

Karma und Wiedergeburt

„Tja, Karma“, sagen wir im Scherz, wenn uns jemand geärgert hat und sich dann den Zeh an einem Möbelstück stößt. „Tja, Karma“, sagt man im Buddhismus mitunter im Ernst zu allem, was ein Mensch durchleidet.

„Karma“ heißt so etwas wie Handlung oder Tat, meint aber auch deren Wirkung. Alles Denken und Handeln hat, so die buddhistische Vorstellung, unmittelbar auch eine Auswirkung, erzeugt also Karma. Solange man denkt und handelt, ist man in die Welt verstrickt und deshalb im ewigen Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) gefangen. Ziel des Buddhismus ist es, die Anhaftung an die Welt zu beenden und jegliches Karma loszuwerden, um letztendlich diesem Kreislauf zu entkommen und in den Zustand der Erleuchtung, also des Nirwana zu gelangen.[6] Dieser Zustand ist verbunden mit völliger Unabhängigkeit von Gefühlen und Bedingungen, einer absoluten Freiheit von Wünschen und Leid und völliger innerer Ruhe.

Wer das Karma anhäuft und was letztendlich wiedergeboren wird, wenn es kein Selbst gibt, wird von verschiedenen buddhistischen Strömungen unterschiedlich beantwortet. In der Regel geht man davon aus, dass nicht ein Selbst wiedergeboren wird, sondern der Bewusstseinsstrom, der noch Gier (Lobha), Hass (Dosa) oder Unwissenheit (Moha) in sich trägt und deshalb an der Welt anhaftet.

Nur wer es in seinem aktuellen Leben zur Perfektion bringt (also jeglichen Glauben an ein Selbst, jegliche Wünsche und Interessen und jede negative Emotion los wird), kann dem ewigen Kreislauf entfliehen. Ansonsten steht eine Wiedergeburt an. Je nachdem, wie viel Karma vorhanden ist, kann man als Mensch in schlechteren oder besseren Verhältnissen wiedergeboren werden, in einem Himmel oder einer Hölle oder eben auch als Tier oder Hungergeist.

Bewiesen wird die Vorstellung von Karma und Wiedergeburt allenfalls mithilfe von Anekdoten. Zum Beispiel werden kleine Kinder regelmäßig anhand ihrer Verhaltensweisen als Reinkarnation wichtiger buddhistischer Persönlichkeiten identifiziert. Man legt einige Besitztümer, die einer solchen Persönlichkeit gehört haben, neben einige ähnliche Gegenstände und wenn das Kind die richtigen herauspickt, wird es als die Wiedergeburt z. B. des Dalai Lama gesehen. Angeblich können diese Kinder sich an die Namen von Menschen erinnern, die sie eigentlich nicht kennen. Oder man gibt einem Kind eine Gebetskette und wenn es sie wie im vermeintlich vorherigen Leben mit beiden Händen hält, sieht man das als klares Zeichen.

Die „Beweise“ bleiben anekdotisch. Aber selbst wenn man an die Reinkarnation glauben möchte, stellen sich noch unendlich viele Fragen: Wie kommt es, dass sich immer exakt die notwendigen Lebewesen fortpflanzen, damit es dem Karma aller entspricht? Wer sagt, falls es die Reinkarnation gibt, dass alle wiedergeboren werden? Man könnte ohne weiteres behaupten, dass nur Buddhist*innen wiedergeboren werden oder nur Menschen, die unterdurchschnittlich oft blinzeln. Was muss ein Rauhaardackel tun, um in einer höheren Daseinsform wiedergeboren zu werden? Warum werden wir immer auf der Erde wiedergeboren? Wenn wir in unserem Handeln irgendwie frei sind, wie kann es dann sein, dass jeder sein Karma „abbekommt“? Wenn alles, was mir zustößt, Karma ist, wie kann ich davon ausgehen, dass andere Menschen frei handelnde Wesen sind? Wie kommt man überhaupt auf die Idee mit dem Karma?

Auf die letzte Frage würde ich versuchsweise antworten: durch eine verzweifelte Suche nach einer Erklärung. Wenngleich die buddhistische Konzeption von Karma nicht unbedingt für die Hoffnung herhalten kann, dass jemand für seine schlechten Taten bestraft wird, ist es doch eine Erklärung für, nun ja, alles. Dass ich mich für bestimmte Dinge interessiere, liegt daran, dass ich in meinem letzten Leben mit diesen Dingen nicht fertig geworden bin. Dass jemand völlig aus dem Nichts von einer unheilbaren Krankheit befallen wird, liegt am schlechten Karma. Dass ein Kind mit einer Behinderung auf die Welt kommt, liegt daran, dass seine Eltern im letzten Leben ein Kind getötet haben. (Letztere Aussage stammt vom Dalai Lama höchstpersönlich.)

Wir können den Zufall nicht ertragen. Wir suchen meistens nach irgendwelchen Gründen, die uns (schreckliche) Zufälle erklären können. Wir können es nicht ertragen, dass manche Dinge einfach keinen Sinn ergeben, sondern eben aus Zufall passieren, dass die Unschuldigen leiden, dass Kinder an Krebs erkranken etc. etc. Außerdem hoffen wir, dass wir etwas Gutes zurückbekommen, wenn wir etwas Gutes tun. Das ist verständlich, aber es beweist und rechtfertigt weder christliche Höllenvorstellungen, noch buddhistische Karma-Konzepte (oder buddhistische Höllenvorstellungen, von denen die Buddhismus-Apologet*innen auch recht selten sprechen).

Wer glaubt, dass diese Ideen heute keine Rolle mehr spielen, irrt sich leider. Das Wort Karma hat seinen festen Platz in der Umgangssprache, genug Menschen glauben daran. Selbstoptimierungswebseiten sind voll davon und erklären zum Beispiel „wie du dein Karma-Konto aufbesserst und somit die Online Business erfolgreicher gestaltest“, was noch das Harmloseste ist. Auch in der angeblich neutralen Achtsamkeitsbewegung ist die Vorstellung noch implizit vorhanden, denn es geht beim Meditieren ja ausdrücklich nicht darum, die Umstände, die mir Leid (also Anhaftungen) bescheren, zu ändern, sondern darum, mit ihnen besser zurecht zu kommen. Jede „negative“ Emotion hindert mich daran, das zu tun. Die buddhistische Meditation kann, auch wenn das von vielen Vertreter*innen[7] behauptet wird, nicht von diesen Konzepten getrennt werden. Seine negativen Gedanken einfach ziehen zu lassen, ist keine neutrale Technik, sondern eine, die implizit diese Gedanken für völlig relativ und nutzlos erklärt und das persönliche Glück bzw. die „Erleuchtung“ im Sinne von Freiheit von „negativen“ Geistesregungen zum Ziel hat.

Symptome und Ursachen

Ein weiterer Aspekt, der auch implizit noch in der Achtsamkeitsbewegung mitwirkt, ist die buddhistische Vorstellung von Leid und seinen Ursachen. Das ganze Dasein sei leidvoll, von der Geburt bis zum Tod. Auch Freude sei letztendlich leidvoll, denn die Freude vergeht irgendwann und dann sehnt man sich nach ihr und bekommt sie vielleicht nicht und leidet wieder. Das Leid resultiere daraus, dass wir der vergänglichen Welt anhaften und ihr nicht entsagen. Man müsse folglich diese Anhaftung, also jegliches Begehren loslassen.[8]

Das bedeutet, wenn ich leide, weil ich krank bin oder mir jemand Leid zufügt, bin ich letztendlich selber dafür verantwortlich, denn ich lasse mich noch von dem Begehren nach Gesundheit und Leidfreiheit an die Welt fesseln. Alles Leid entsteht ja in meinem Geist und hängt mit meinem persönlichen Urteil zusammen, also muss es letztendlich auch in meinem Geist bekämpft werden, ich muss anders urteilen. Würde ich nicht an weltlichen Dingen wie Gesundheit hängen, würde ich auch nicht leiden. Ich leide, weil ich die Krankheit als schlecht beurteile und mich nach Gesundheit sehne. Diese negativen Gedanken führen zu weiteren negativen Gedanken und somit zu weiterem Leid. Folglich sind die Gedanken der Fehler. Der (moderne) Buddhismus rät dazu, diese Gedanken wahrzunehmen, sie als nichts weiter zu betrachten als Gedanken und sie loszulassen, um folglich seelenruhig und glücklich zu werden.

Diese Idee ist auf mehreren Ebenen unerträglich (ich komme im vierten Artikel nochmal darauf zurück) und ich möchte dazu den folgenden, nur leicht hinkenden Vergleich anbringen: Wenn ich aus dem Schlaf gerissen werde, weil im Flur der Rauchmelder piept, ist es nicht der Weisheit letzter Schluss, die Batterien aus dem Rauchmelder zu nehmen und mich wieder schlafen zu legen.

Will sagen: Erstens bekämpft der Buddhismus hier Symptome, obwohl er vorgibt, die Ursachen zu bekämpfen. Dass ich wütend werde, wenn ich Ungerechtigkeit erfahre, hat selbstverständlich mit meinem persönlichen Urteil zu tun. Dennoch ist die Ursache (außer ich täusche mich oder habe einen Wutanfall o. Ä.) die erfahrene Ungerechtigkeit. Was der Buddhismus fordert, ist, dass wir die Ungerechtigkeit als nichtig betrachten, als unbedeutendes weltliches Vorkommnis und uns davor hüten sollten, diese Lappalie für wichtig zu erachten. Außerdem kann der Rauchmelder auch einfach so losgegangen sein und somit ist unserem Urteil sowieso nicht zu trauen. Überhaupt sei das Feuer nichts an sich Schlechtes, es sei ja nur für uns persönlich schlecht und diese Wertung sei das Problem. Statt alles zu bewerten, sollten wir die Dinge so sehen, wie sie sind und nach der absoluten buddhistischen Wahrheit, sind sie eben weder gut noch schlecht.[9] (Dass das Gefühl, erleuchtet bzw. „befreit“ zu sein, objektiv zu sehen etc. ebenso in Zweifel gezogen werden müsste, scheint keine Rolle zu spielen.)

Zweitens stellt sich die Frage, ob es wirklich unser höchstes Ziel ist, in Ruhe zu schlafen bzw. eben „erleuchtet“ und (in der moderneren Formulierung) glücklich zu sein. Wer frei von jeglichen „negativen“ Gefühlen ist, kann ein entspanntes und konformistisches Leben führen (und damit aus dem Kreis der Wiedergeburten ausbrechen). Dass dieses Leben wirklich erfüllt ist, wage ich zu bezweifeln. Wer „negative“ Gefühle hat, bemerkt, dass ihr*ihm etwas nicht passt. Allerdings passt nicht plötzlich alles, nur weil ich irgendwie diese Gefühle losgeworden bin. (Abgesehen davon, dass ich niemand bin, wenn ich nichts fühle, aber das ist ja auch der Zweck, denn das oberste Ziel ist die Leidfreiheit und kein erfülltes Leben, keine Entfaltung.)

Drittens ist das Feuer nicht gelöscht oder nur eine Illusion, nur weil der Rauchmelder still ist. Aber es ist eben anstrengender, immer wieder Feuer zu löschen, die jederzeit irgendwo ausbrechen können. Überhaupt wirkt das Ganze teilweise wie ein verkrampfter Versuch, würdevoll und seelenruhig zu bleiben, wo eigentlich Empörung angebracht wäre. Das wirkt aus irgendeinem Grund sehr weise auf viele Menschen, kommt mir aber immer wieder ein Stück weit überheblich oder passiv-aggressiv vor, ähnlich wie ein Jesus-Anhänger, der nicht sagt: „Spinnst du, warum schlägst du mir ins Gesicht?“, sondern stattdessen zur Demonstration seiner Überlegenheit die andere Wange hinhält.[10] Statt Ärger zuzulassen, sich angreifbar zu zeigen und sich in die Sache involviert zu fühlen, zieht man sich auf einen vermeintlich überlegenen Standpunkt zurück und jeder kann sehen, wie weise man ist. Ob das wirklich einen Sinn hat, wirklich Leid vermindert (abgesehen davon, dass es für einen selbst angenehmer ist), halte ich für äußerst fraglich, da z. B. die vielgescholtene Wut sehr oft Menschen dazu motiviert hat, die Umstände ihrer Mitmenschen zu verbessern. Letztendlich hilft das Ganze nur Buddhist*innen, die glauben, sich dadurch von weltlichen „Anhaftungen“ befreien und der ewigen Wiedergeburt entgehen zu können. Wenn das höchste Ziel nicht Stille ist, sondern das (erfüllte) Leben, sollte man vielleicht die Batterien im Rauchmelder lassen.

Ich und die Erleuchtung

Wie auch in anderen Heilslehren geht es im Buddhismus hauptsächlich um einen selbst. Es wird zwar viel von Altruismus geredet, aber der ist letztendlich nur Mittel und Anzeichen für die eigene Erleuchtung. Eben wie bei einigen mit ach so viel Nächstenliebe erfüllten Christ*innen. Man verhält sich altruistisch, aber nicht einfach, weil man selbst es will, sondern weil es verlangt wird und zur Religion dazugehört. Man muss sich auch nicht wirklich in andere einfühlen, denn man weiß ja schon, was sie brauchen: den Buddhismus. Buddhist*innen halten sich an ihre Gesetze und Regeln, verbringen Jahre in Retreats und meditieren stundenlang, um „perfekt“ zu werden, denn unerleuchtet ist man ja immer noch fehleranfällig. Auf mich wirkt das eher narzisstisch.

Jede emotionale Involviertheit in die Welt (die, wie gesagt, sehr häufig zu altruistischem Verhalten motiviert) wird als Anhaftung gesehen. Man handelt altruistisch, aber nicht aus einem Bedürfnis oder dem eigenem Willen heraus, sondern weil es in den Schriften steht und zur Glaubenspraxis gehört. Man ist also unter Umständen nicht wirklich aus sich heraus altruistisch, sondern allenfalls gehorsam. Auch wenn man sich irgendwann den Altruismus wirklich angeeignet hat, resultiert dieser nicht daraus, dass man sich mit anderen Menschen auseinandersetzt, sie versteht und sich für sie einsetzen will, sondern eben aus der eigenen Religion. Gewisse Bedürfnisse der Menschen werden ja auch einfach aus dogmatischen Gründen für nichtig befunden, das einzige legitime Bedürfnis ist letztendlich das Bedürfnis nach Erleuchtung.

Dass der Buddhismus also eine vernünftige, menschlichere Alternative zum Christentum ist, scheint äußerst zweifelhaft. Er ist mit unhaltbaren metaphysischen Vorstellungen verwoben, glaubt, die absolute Wahrheit zu kennen und beinhaltet eine Menge Widersprüche. Letztendlich ist er genauso abhängig von ideologischen Behauptungen wie jede andere Religion auch. Er ist zwar in seinen Ausprägungen weniger brutal, aber in seiner Lehre nicht weniger fragwürdig. Die Ideen von einem sanften, rationalen oder gar säkularen Buddhismus sind westliche Projektionen, waren in buddhistischen Ländern kaum jemals Wirklichkeit und sind auch von den metaphysischen Annahmen (Nichtselbst, Karma, Reinkarnation) nicht wirklich trennbar.


[1] Freiberger, Oliver; Kleine, Christoph: Buddhismus. Handbuch und kritische Einführung. Göttingen 2011, S. 199f.

[2] Die Aussage, das Selbst würde nicht existieren hat auch mit den buddhistischen Vorstellungen vom Begriff „Existenz“ zu tun, worauf im Artikel #2 kurz eingegangen wird.

[3] Besonders im Zen-Buddhismus hält man viel davon, in Paradoxien zu sprechen, die angeblich zeigen, dass diskursives Denken unzulänglich ist.

[4] Dazu gehören unter anderem Sam Harris, Susan Blackmore, Thomas Metzinger oder Wolf Singer.

[5] Revel, Jean-François; Ricard, Matthieu; Miles, Jack: The Monk and the Philosopher. A Father and Son Discuss the Meaning of Life. New York 1998, S. 144.

[6] Freiberger & Kleine, S. 198ff.

[7] Als promintentester Vertreter ist hier vermutlich Jon Kabat-Zinn, der Gründer der „mindfulness based stress reduction“ bzw. „achtsamkeitsbasierten Stressreduktion“ zu nennen.

[8] Schmidt-Glintzer, Helwig: Der Buddhismus, 3. Auflage. München 2014, S. 38f.

[9] Es ist ein bisschen so, wie ein physikalisches Weltbild zur absoluten Wahrheit zu erklären und folglich zu behaupten, in der absoluten Wahrheit gäbe es weder gut noch schlecht etc.

[10] „Think of the drama of what he’s asking you to do here […]. This is not pacifism, this is passive aggression.” (Natalie Wynn)

3 Kommentare zu „Kritik am (westlichen) Buddhismus #1: Fragwürdige Lehre

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