Kritik am (westlichen) Buddhismus #2: Schlechte Argumente, Unredlichkeit, Bullshit

Falls der Buddhismus überhaupt eine Religion sei, dann eine rationale, ganz ohne Aberglauben, unantastbare Wahrheiten und magisches Denken. Das sagen zumindest seine Befürworter*innen, die der eigentlichen Lehre anhängen, die komplett mit Wissenschaft und Logik vereinbar ist. In diesem Artikel geht es um die Frage, ob das stimmt.

#1: Fragwürdige Lehre
#2: Schlechte Argumente, Unredlichkeit, Bullshit
#3: Selbstüberschätzung, Naivität, westliche Sehnsucht
#4: Furchtbare Lehre

Spoiler: Ich gehe davon aus, dass es nicht stimmt. Auch wenn der Buddhismus einer Scheiterhaufen gewordenen Geschichtensammlung wie dem Christentum vielleicht einige Dinge voraus hat, ist er nicht auf einem besseren argumentativen Wege zustande gekommen. Ich möchte hier einige wiederkehrende Argumentationsstrategien zeigen und erklären, warum sie irrtümlich oder sogar unredlich sind.

Neben anderen Quellen stütze ich mich hierfür auf das Buch „The Monk and the Philosopher“ (Orig.: „Le Moine et le Philosophe“) des Philosophen Jean-François Revel und seinem Sohn, dem buddhistischen Mönch Matthieu Ricard.[1](Die unbetitelten Seitenzahlen beziehen sich im Folgenden immer auf dieses Buch.) Ein bisschen können die folgenden Texte also auch als Buchkritik gelesen werden, beziehen sich aber hauptsächlich auf verbreitete Argumente, die zumindest auf den westlichen Buddhismus relativ uneingeschränkt zuzutreffen. Das Buch an sich scheint mir ähnlich zu anderen populären Einführungen in den Buddhismus zu sein, bis auf die Tatsache, dass der Inhalt nicht ganz so billig und der Schreibstil weniger haarsträubend ist.

Ich halte das insofern für fair, als dass Matthieu Ricard kein Strohmann ist, der auch mal ein Buch über den Buddhismus schreibt, weil es sich gerade gut verkauft. Im Gegenteil widmet sich Ricard seit 1967 den buddhistischen Lehren und ist seit 1979 ordinierter Mönch, hatte bei der Entstehung des Buches also circa 30 Jahre spirituelle Praxis und 18 Jahre Mönchsein hinter sich. Er ist außerdem promovierter Molekularbiologe, also nicht ungebildet. Zudem ist er seit 1989 der offizielle Französisch-Übersetzter des Dalai Lama und somit niemand, der als verirrte Randfigur abgetan werden kann. Zusätzlich arbeitet er mit renommierten Hirnforscher*innen zusammen und wird gerne als der glücklichste Mann der Welt beschlagzeilt, was er persönlich aber ablehnt.

Schlechte Argumente 1: Autoritätsbeweise & Anekdoten

Egal ob es um Gott, Homöopathie, außersinnliche Wahrnehmung oder (andere) religiöse Glaubensinhalte geht: Sobald man mit den Argumenten am Ende ist, sagt man etwas wie „Ich spüre das eben“ oder „XY sagen das seit Jahrzehnten, da muss also was dran sein“ und wähnt sich fein raus. Nicht anders werden von Vertreter*innen des Buddhismus des Öfteren Karma, Wiedergeburt oder die Idee der Erleuchtung durch Meditation verteidigt. Obwohl Ricard aus der Wissenschaft kommt, ist auch er nicht sparsam mit Versuchen, seinen Glauben mit einzelnen Anekdoten zu „beweisen.“

Einer dieser Glaubensinhalte ist sein Glaube an Gedankenübertragung. Hierfür bringt er das folgende Beispiel, das er für das bemerkenswerteste in diesem Zusammenhang hält:

„While I was meditating in a small hut near my first teacher, Kangyur Rinpoche, I started to think about the animals I’d killed when I was young. […] Thinking about it, I felt a mixture of profound regret and incredulity that I could have been so blind to the suffering of others and have cared so little about it. So I decided to go and see Kangyur Rinpoche and tell him what I’d done – to confess, in a way. […]
As soon as he saw me, Kangyur Rinpoche looked at me [sic] and laughed. Before I could utter a word of my confession, he said a few words to his son, who translated, ‘How many animals have you killed in your life?”

(“Während ich in einer kleinen Hütte in der Nähe meines ersten Lehrers, Kangyur Rinpoche, meditierte, begann ich über die Tiere nachzudenken, die ich getötet hatte als ich jung war. […] Als ich darüber nachdachte, empfand ich eine Mischung aus tiefgreifender Reue und Ungläubigkeit darüber, dass ich so blind gegenüber dem Leiden anderer gewesen bin und mich so wenig darum gekümmert habe. Also beschloss ich, Kanygur Rinpoche zu besuchen und ihm zu erzählen, was ich getan hatte – zu beichten, gewissermaßen. […]
Sobald er mich sah, blickte er mich an [sic] und lachte. Bevor ich ein Wort meiner Beichte äußern konnte, sagte er ein paar Worte zu seinem Sohn, der übersetzte: ‚Wie viele Tiere hast du in deinem Leben getötet?“) (59f)

Meiner Meinung nach ist das die stärkste Anekdote, die er in diesem Buch bringt, aber dennoch keine allzu glaubwürdige. Es gibt relativ viele alternative Erklärungsmöglichkeiten, darunter: der klassische, chronisch unterschätzte Zufall, die Tatsache, dass sie vielleicht vorher darüber gesprochen hatten (und er deshalb darüber nachdachte) oder eine im Nachhinein verzerrte Erinnerung. Unabhängig davon und viel wichtiger ist sein beeindruckender Mangel an Skepsis in Bezug auf diese Art von Beweisen. Zu genanntem Beispiel sagt er Dinge wie: „At the time, this event seemed completely natural to me” (“Zu diesem Zeitpunkt kam mir dieser Vorfall komplett selbstverständlich vor“) oder „They might be having this kind of experience all the time, but they only very rarely let anyone know” („Sie machen diese Art von Erfahrung vielleicht die ganze Zeit, aber sie lassen es nur äußerst selten jemanden wissen“) (60). 

Dass es Ricard kein bisschen merkwürdig, sondern völlig natürlich vorkommt, wenn jemand anderes scheinbar seine Gedanken lesen kann, finde ich ziemlich verdächtig. Er nimmt einfach diese Erklärung an und hinterfragt sie nicht. Wäre dieser Vorfall auf eine andere Art (Zufall, vorher darüber gesprochen) zustande gekommen, würden wir es von ihm sicher nicht erfahren, da er sich gar nicht dafür interessiert, seine Erklärung zu hinterfragen. Das zweite Zitat zeugt ebenfalls von der Bereitschaft, die Geschehnisse völlig aus der Luft in diese Richtung umzudeuten.

Dinge, die er nicht mit persönlich erlebten Anekdoten „beweisen“ kann, beweist er mit Anekdoten, die ihm erzählt wurden. Die Idee der Reinkarnation verteidigt Ricard damit, dass in der Geschichte Tibets von hunderten solcher Fälle berichtet wird und ihm auch mal von so etwas erzählt wurde (63f). Weist Revel (sein Vater, der Philosoph) ihn darauf hin, dass solche Autoritätsbeweise nicht wirklich etwas belegen, entgegnet ihm Ricard, dass die genannten Autoritäten sicher nicht die Absicht hätten, jemanden zu täuschen und die Beweise also auf jeden Fall gültig seien (39, 42, 61, 195). Den Einwand seines Vaters, dass jemand keine böse Absicht haben muss und dennoch einem Irrtum anhängen kann, übergeht er mehrmals und bemüht regelmäßig die Güte und das Charisma der betreffenden Personen als Argument für die Richtigkeit ihrer Ideen (7, 39). Ein Paradebeispiel für den Halo-Effekt. Bezeichnenderweise beruft er sich auch mehrmals auf Sogyal Rinpoche, damals tibetischer Lama der Nyingma-Tradition und offizielle Reinkarnation eines Lehrers des 13. Dalai Lama (62, 151, 235). Gegen diesen Sogyal Rinpoche wurden in den folgenden Jahren von verschiedenen Seiten Missbrauchsvorwürfe laut. Bereits 1994 (drei Jahre vor der Veröffentlichung des Buchs) verklagte ihn die Amerikanerin Janice Doe wegen körperlichem und sexuellem Missbrauch. So viel zur Idee, Menschen seien durch und durch vertrauenswürdig und unfehlbar, weil sie charismatisch sind und gütig wirken.

Sätze, die mit „[It] is not something I witnessed myself, but I heard the account from someone I trust completely” (“[Es] ist nichts, was ich selbst miterlebt habe, aber ich habe den Bericht von jemandem gehört, dem ich komplett vertraue.“) (63) beginnen, sollten hellhörig machen, weil sich mit ihnen alles Mögliche „beweisen” lässt – was von Homöopathie-, Esoterik- oder Religionsfans auch gerne getan wird. Auf Webseiten zum Buddhismus trifft man solche Argumente häufig an und auch der Dalai Lama selbst untermauert seine Lehre gerne mit Anekdoten. Wenn man etwas eh schon glaubt, oder unbedingt glauben will, hat man wohl auch keine Motivation, solche Scheinargumente skeptisch zu betrachten.

Schlechte Argumente 2: Vereinfachtes Denken & falsche Schlüsse

Was ebenfalls bei esoterischen und vielen buddhistischen Welterklärer*innen beliebt ist, sind Vereinfachungen und falsche Schlüsse. So wird gerne mit Argumenten gekämpft, die auf den allerersten Blick irgendwie logisch erscheinen, aber eigentlich willkürliche Setzungen, falsche Dichotomien (ungefähr: Zweiteilungen), Zirkelschlüsse oder Schiefe-Ebene-Argumente sind.

So wird zum Beispiel daraus, dass wissenschaftliche Theorien regelmäßig verworfen werden, geschlossen, dass sie wertloser seien als der Buddhismus, weil der seit Jahrtausenden das gleiche behauptet (13). Weil das Selbst keine Farbe, keine Form und keinen Ort hat, existiere es nicht und sei eine Illusion (27, 81). Hass und Gier seien etwas, wofür man ein Selbst brauche, deshalb müsse das Selbst weg (108). Wir bestünden aus Teilchen, aber die Teilchen seien untereinander alle gleich, also könnten auch wir nicht individuell sein (281). Jedes Massaker beginne mit einem negativen Gedanken, also bleibe einem nichts anderes übrig als die („negativen“) Gedanken wegzumeditieren (183). Immer wird mit weiser, apodiktischer Rhetorik so getan, als wären das zwingende Schlussfolgerungen, während es eigentlich nur willkürliche Setzungen sind.

Gerne arbeitet man auch mit falschen Dichotomien, das heißt, man stellt Probleme so dar, als gäbe es für sie nur zwei Lösungen: die, die von der eigenen Gruppe angeboten wird und ihr (scheinbares) Gegenteil, das natürlich direkt ins Verderben führt. So behauptet Ricard als er mal wieder eine Anekdote als Beweis für die Reinkarnation anbringt und dafür kritisiert wird, dass wir, wenn wir solchen Geschichten nicht glauben würden, ja nur das glauben könnten, was alle (!) zur gleichen Zeit sehen können (67). Eine Möglichkeit dazwischen will er nicht sehen. An einer anderen Stelle kritisiert Revel, dass der buddhistische Ansatz, Menschen nur individuell ändern und sich nicht um politische Strukturen kümmern zu wollen, nicht zu Frieden führen wird. Ricard antwortet ihm, dass das schon sein mag, aber die (einzige) Alternative sei ja der Totalitarismus und der würde auch nicht funktionieren (158f). Wieder gibt es nichts zwischen Buddhismus (isolierte Meditation, individueller Ansatz) und Verderben (Diktatur, totalitaristischer Ansatz). Da nimmt man natürlich lieber ersteres.

Zu guter Letzt, und davon scheint der Buddhismus zu leben, wirft Ricard mit Schiefe-Ebene-Argumenten um sich. Zum Beispiel müssen wir uns laut ihm darum kümmern, dass unsere Gedanken keine Spuren in unserem Geist hinterlassen, denn wenn wir beispielsweise einen Gedanken der Abneigung zulassen, so wird er zu Feindlichkeit, dann zu Hass und dann übernimmt er unser ganzes Bewusstsein (72). So schnell geht das, also weg mit den Gedanken.

Alles Leid sei letztendlich auf „negative“ Emotionen zurückzuführen. Deshalb müsse man diese schon im Ansatz eliminieren. Tut man das nicht, werden sie stärker und stärker und führen schließlich zu schädlichen Taten (78). Die Idee, dass eine Emotion ein unabhängiges Ding ist, das da ist und, wenn es nicht entfernt wird, einfach so wächst, ist völlig aus der Luft gegriffen und auch nichts weiter als ein Scheinargument.

Die diesbezüglich amüsanteste Stelle ist die, in der Ricard begründen möchte, dass alles im Leben, also auch die Freude, zu Leid führt und dazu folgendes sagt: „Passing joys turn into torments; you go for a cheerful family picnic and your child gets bitten by a snake.“ („Vorübergehende Freuden werden zu Qualen; du gehst zu einem fröhlichen Familien-Picknick und dein Kind wird von einer Schlange gebissen“) (128). Ich bin kein Experte, aber ich glaube, es kommt gelegentlich vor, dass Freuden nicht mit dem qualvollen Tod eines Familienmitglieds enden. Aber vielleicht meditiere ich einfach nicht genug.

Unterkomplexe, undifferenzierte Welterklärungen sind ein zentrales Erkennungsmerkmal von Ratgeberbüchern und Sekten, was diese auch so beliebt macht. Nichts ist unerklärbar, nichts passiert zufällig, nichts ist kompliziert, über nichts muss man sich den Kopf zerbrechen. Alles ist entweder schwarz oder weiß und alles kann auf die ein oder andere Art auf die gleiche Ursache (hier z. B. der Glaube an ein Selbst und das Denken negativer Gedanken) zurückgeführt werden.

Erfahrung als Beweis

Alles was ich bisher geschrieben habe, klingt vielleicht sinnvoll, aber es ist natürlich völlig wertlos, da es nur durch Denken zustande gekommen ist und nicht durch die direkte Erfahrung der Realität in der Meditation. Wissenschaft, Logik und der ganze andere rationalistische Bums sind schon ganz nett, aber die Wahrheit erfährt man nur durch „spirituelle Realisierung“, die laut Ricard unbezweifelbar ist (68).

Die Lehren des Buddhismus könne man nicht rational nachvollziehen, denn sie befänden sich auf einem ganz anderen Level.[2] Man gelänge zu ihnen durch direktes Sehen der Wahrheit, durch kontemplative Erfahrung (40, 68). Blöderweise muss man dafür jahrelang mehrere Stunden pro Tag meditieren und solange wir das nicht getan haben, müssen wir eben still sein und den Buddhist*innen glauben. Sich im Kreis drehend behaupten Buddhist*innen also folgendes: Wenn wir einmal selbst diese spirituelle Erfahrung hätten, würden wir ihre Wahrheit akzeptieren und solange wir ihre Wahrheit nicht akzeptieren, haben wir eben einfach zu wenig spirituelle Erfahrung.

Während diese Art von Erfahrungsargument hauptsächlich unverschämt ist, kann ein anderes, das Ricard bringt, sogar gefährlich werden. Nämlich die Unart, gefühlte Gewissheit als Beweis anzubringen, was er an beunruhigend vielen Stellen macht.

Die Sicherheit, die durch kontemplative Praxis entsteht, fühle sich genauso an wie die, die durch den Beweis eines Theorems entsteht – Dogma bewiesen (66, 69). Irgendwann würde diese Gewissheit zur zweiten Natur und der Glaube damit unanfechtbar – Dogma bewiesen (229). Dass sich auch Irrtümer wie eine Realisierung anfühlen können, dass man auch von Unsinn völlig überzeugt sein kann, scheint ihm überhaupt nicht in den Sinn zu kommen. Auch hier zeigt sich die völlige Unfähigkeit/der völlige Unwille, am eigenen Glauben zu zweifeln. Ein Unwille, der bestenfalls in die Engstirnigkeit, schlimmstenfalls in den Totalitarismus führt.

Das Argument der spirituellen Realisierung, der direkten Wahrnehmung der Wirklichkeit durch Intuition, wird nicht nur im Buddhismus gebraucht. Unzählige Gurus beanspruchen für sich, die Realität geschaut zu haben. Ungünstigerweise widersprechen sie sich in der Frage, wie diese denn aussieht.

In populären Büchern über den Buddhismus und in den medialen Darstellungen im Westen wird suggeriert, dass die in der Meditation erreichte Erfahrung der Kern der Religion sei. Natürlich behauptet Ricard das auch (9), vermutlich einfach, weil es bei der Leserschaft gut ankommt. Dass dieses Bild erst im 20. Jahrhundert entstanden ist und Meditation im klösterlichen Leben kaum eine herausragende Rolle gespielt hat[3], erwähnt er nicht, genauso wenig wie andere Buddhismus-Apologeten (Thích Nhất Hạnh, D. T. Suzuki oder eben der Dalai Lama) das tun. Das Bild vom friedlich Meditierenden verkauft sich einfach besser als das von Menschen, die in der Hoffnung auf eine bessere Wiedergeburt an Gebetsmühlen drehen, Buddhastatuen anbeten, Opfer darbringen oder sich hungrigen Tieren zum Fraß vorwerfen.[4]Tatsächlich entspringt die Erzählung von der fernöstlichen Erlebnisreligion (v. a. in Bezug auf den Zen-Buddhismus) letztendlich westlichen Ideen, wie z. B. denen von C. G. Jung und Friedrich Schleiermacher.[5]

Im Gegenteil waren buddhistische Philosophen sogar häufig skeptisch gegenüber angeblich erfahrenen Wahrheiten. Die Berufung auf die in der Meditation geschaute Wahrheit wurde relativ spät als Argumentationsfigur entwickelt, um die Autorität der Lehre gegen diskursive Einwände zu immunisieren. Letztere wurden dann zu einer Art „second hand knowledge“ degradiert.[6]

Wie eine Erfahrung auszusehen hat, um die Lehre vom Nichtselbst o. Ä. zu beweisen, ist auch unter erfahrungshungrigen Buddhist*innen nicht geklärt. Was zudem gerne unter den Tisch fallen gelassen wird, ist, dass jede Erfahrung immer auch interpretiert werden muss. Dass man durch Meditation in einen besonderen Bewusstseinszustand gerät, ist ja kaum überraschend. Wie Robert Sharf schreibt[7] wäre es eher merkwürdig, wenn dies nach stundenlangem, bewegungs- und gedankenlosem Sitzen nicht passieren würde. Wenn man aber glaubt, dadurch eine höhere religiöse Wahrheit erfahren zu können, wird man diesen Bewusstseinszustand ganz anders interpretieren (und damit auch anders fühlen), vermutlich im vorgegebenen religiösen Rahmen. Das erklärt auch, warum Religiöse in der Regel Erfahrungen haben, die ihnen die Wahrheit ihrer eigenen Religion „beweisen“ und nicht die einer anderen.

Wovon Menschen, die lange meditieren, häufig berichten, ist, dass sich in der Meditation ihr Ich-Gefühl auflöst. Man hört ein Geräusch oder denkt an andere Menschen, aber man fühlt sich davon nicht mehr abgetrennt. Man ist dieses Geräusch, man ist diese anderen Menschen, alles ist eins und man wüsste nicht zu sagen, was man selbst im Unterschied sein soll. Dazu fühlt man sich häufig extrem glücklich, völlig befreit und alles scheint gut (ähnlich wie es häufig bei der Einnahme von LSD, Psilocybin etc. geschieht). Dieses Gefühl wird dann als Beweis für die Lehre vom Nichtselbst und der Relativität aller Dinge gesehen. Die eigenen Gedanken oder das eigene Selbst werden in diesem Zustand nicht wahrgenommen. Zudem ist er häufig höchst angenehm, fühlt sich erhaben und gewiss an und scheint also von einer anderen Realität zu sein, zumindest für Menschen, die geneigt sind, an die Existenz anderer Realitäten zu glauben.

Wovon Buddhismus-Fans i. d. R. nichts hören wollen bzw. wirklich nichts wissen, sind andere Interpretationen oder die Tatsache, dass Glaube, persönliche Prägung und Erwartungshaltung die Erfahrung stark beeinflussen. Die Religionswissenschaftlerin Ann Taves spricht deshalb von „experiences deemed religious“, also Erfahrungen, die als religiös angesehen werden, es aber nicht an sich sind.[8]

So spielen zum einen persönliche Erwartungshaltung und Selbstsuggestion eine Rolle. Man hält sich an eine bestimmte Meditationsmethode mit einem relativ konkreten Ziel. Das erklärt auch, warum die einen beim Meditieren buddhistische Glaubenssätze bestätigt sehen, während andere darin Gott wahrnehmen und wieder andere nichts von beiden. So wird also ein Stück weit schon vorher festgelegt, was in der Erfahrung „bewiesen“ wird. Menschen auf einem LSD- oder Psilocybin-Trip (der deutliche Parallelen zur Meditationserfahrung aufweist) finden in diesem Trip, je nachdem, ob sie mit einer tödlichen Krankheit klarkommen, das Rauchen aufhören oder eine spirituelle Erfahrung machen wollen, das Leben nach dem Tod, die Wichtigkeit gesunder Atmung, die Existenz von etwas Höherem[9] oder ihren Nihilismus eindeutig bewiesen.

Es könnte sein, dass einem diese Dinge (Dogmen, Atem, Leben nach dem Tod) während eines solchen Bewusstseinszustandes so eindeutig wahr erscheinen, weil sie wahr sind. Es könnte allerdings auch sein, dass einfach ein Gefühl von Gewissheit schon da ist und sich auf alles anwenden lässt, was wir eh schon glauben, ähnlich wie manchmal Euphorie einfach da ist und die ganze Welt freundlich erscheint oder man depressiv ist und alles grau und sinnlos wirkt. So schreibt beispielsweise Alan Watts, dass während eines LSD-Trips das Gefühl, das wir mit bedeutungsvollen Dingen verbinden, wahllos auf alles projiziert werden kann. Peter Webster schließt daran die Theorie an, dass zuerst das Gefühl des Bedeutungsvollen (Salienz) da ist und willkürlich auf Dinge projiziert werden kann. Das würde erklären, warum man Dinge, die man vorher schon irgendwie geglaubt hat, plötzlich als unglaublich bedeutungsvoll und Inbegriff der Wahrheit wahrnimmt.[10] Andere Reize, die unter Umständen auch dem eigenen Glauben widersprechen können, werden ausgeblendet (so wie in einer euphorischen bzw. depressiven Stimmung Grausames bzw. Schönes nicht wahrgenommen wird). Zudem scheinen solche Bewusstseinszustände Erinnerungsfehler zu fördern.

Ähnliche Mechanismen sind auch bei Wahn oder Schizophrenie am Werk, weshalb letztere auch als „salience dysregulation syndrome“ bezeichnet wird. Die gefühlte Gewissheit, Verbundenheit und Glückseligkeit, von der einige Meditierende berichten, kann auch durch eine bestimmte Form der Epilepsie zustande kommen, bei der das System im Gehirn, das dafür zuständig ist, Vorhersagefehler zu verarbeiten, beeinträchtigt wird. Möglicherweise wird dieses System auch durch Meditation beeinflusst, schließlich müssen beim Stillsitzen und Wiederholen eines Mantras o. Ä. keine Reize verarbeitet und somit weder Vorhersagefehler registriert noch Bedeutungen zugeschrieben werden. Dies würde auch die genannten Erinnerungsfehler erklären.

Kurz: Es gibt diverse andere Möglichkeiten, diese Erlebnisse zu erklären. Vor allem ist es aber wichtig, anzuerkennen, dass es keine unmittelbare Erkenntnis gibt. Die genannten Erfahrungen hängen immer mit vorhandenen Vorstellungen zusammen und müssen im nachhinein immer interpretiert werden. Wer die erstbeste Interpretation seiner Erfahrungen als die Wahrheit annimmt, kann sich im eigenen Glauben bestätigt, spirituell und erleuchtet fühlen, er*sie kann aber auch im Wahn landen. Gefühlte Sicherheit, gefühlte Erleuchtung haben noch nie etwas bewiesen, lassen sich aber gut benutzen, um dem Diskurs zu entfliehen (wie das auch von bestimmten christlichen Gruppen oder Esoteriker*innen getan wird).

Der Einwand, dass man das nicht beurteilen könne, solange man die Erfahrung nicht selbst gehabt hat, ist ebenfalls nichtig. Man widerspricht auch Menschen, die unter einer Wahnvorstellung leiden, einfach weil es für ihre Wahnideen keine Gründe gibt. Natürlich können wir, ohne sie gehabt zu haben, nicht nachvollziehen, wie sich religiöse Erfahrungen/Wahnvorstellungen anfühlen, aber das ist nicht nötig, denn man diskutiert nicht über den Bewusstseinszustand, sondern über das, was daraus abgeleitet wird. Man zweifelt nicht an, dass jemand einen bestimmten Bewusstseinszustand hatte, in dem er*sie z. B. kein Selbst gefühlt hat, sondern man zweifelt die Schlussfolgerung an, dass es kein Selbst gibt. Um behaupten zu können, dass es keine Gründe gibt, anzunehmen, die Welt würde in einem Jahr untergehen, muss man nicht unter der entsprechenden Wahnvorstellung, der entsprechenden Gewissheit gelitten haben. Man kann jeden Glaubenssatz „realisieren“. Würden wir aber anfangen, alles zu glauben, was jemand „realisiert“ hat, ginge das wohl ziemlich hässlich aus.

Wahrheitshierarchien: Natürliches, Reines, Eigentliches

„Der Vorwand, auszusprechen, was eine Sache wahrhaft, was sie in Wahrheit ist, führt stets in Versuchung, zu sagen, wie sie sein soll, um wahrhaft zu sein […]“
Pierre Bourdieu[11]

Da Buddhist*innen im Gegensatz zu Normalsterblichen die Wahrheit direkt erfahren können, sind unsere normalen Wahrheiten natürlich weniger wert. Sie erfahren direkt die Natur der Dinge, wogegen langweiliges, begriffliches Denken natürlich alt aussieht (82). Wie die Dinge wirklich sind, lässt sich nicht im Dialog erkennen, sondern nur in der Stille der persönlichen Erfahrung (310).

So wie der Buddhismus an vielen Stellen kein Stück besser ist als das Christentum, steht er ihm auch in der Arroganz einiger Mitglieder in nichts nach. Er ist natürlich eine sehr, sehr offene Religion, aber zu viel Offenheit hat er auch nicht nötig, denn er ist sehr alt (13) und kennt die wahre Natur der Dinge (275). Er ist auch sehr bescheiden, aber trotzdem ist er halt die einzige Weltanschauung, die weiß, was wahres Wissen (273) und wahre Kreativität (274) ist. Während die Wissenschaft immer irgendwelche Konzepte braucht, um die Welt zu betrachten, kommt der Buddhismus ganz ohne aus und betrachtet direkt die Realität, nackt und unzensiert.

Der Buddhismus baut, wie alle Weltreligionen und viele Ideologien, eine Wahrheitshierarchie auf. Für monotheistische Religionen ist das zum Beispiel das Heilige vs. das Profane. Bei sehr vielen Ideologien ist es das Natürliche vs. das Unnatürliche. Der Buddhismus tut das auch und bastelt eine Hierarchie zwischen dem Eigentlichen und dem Uneigentlichen. Bestimmte Phänomene werden zum Eigentlichen, Wahren, Natürlichen erhoben, während andere uneigentlich und illusionär seien.

So sei das Böse eine Illusion, eigentlich existiere nur das Gute und Perfekte (176ff). Die allgemeine, unpersönliche, abstrakte Liebe sei die eigentliche Liebe (167). Bewusst im Hier und Jetzt zu sein, ohne zu denken, sei das Eigentliche. Bewusst über etwas nachzudenken, sei das Uneigentliche, Dreck im Wasser (72f). Leid sei eine Illusion, selig zu sein wie ein „Erleuchteter“ sei das Wahre (97). Gelassenheit und Heiterkeit seien das Natürliche, Wut und Geilheit verzerrten alles etc. Alles, was nicht dem Buddhismus entspricht, widerspricht der „wahren Natur der Dinge“ und ist prinzipiell ignorant (168).

Die Sache mit der angeblich wahren Natur der Dinge ist etwas, das sich äußerst plakativ durch das komplette Buch zieht und ein typisches Merkmal vieler Ideologien ist. Ein bestimmtes Set an Emotionen, Taten, Lebensstilen, Ideen wird als natürlich geframet, alles andere als unnatürliche Abweichung. Besonders deutlich wird das in Revels und Ricards Buch darin, dass Ricard ständig Metaphern benutzt, die dieses Framing stützen, aber argumentativ völlig leer sind. So sei der Mensch an sich krank und der Buddhismus die Heilung (128). Eigenschaften, die der Buddhismus den Menschen zuschreibt, sind Gold oder die Sonne, alles andere wird mit Schlamm oder Wolken vor der Sonne verglichen (178f). Die buddhistische Wahrheit (und das scheint seine Lieblingsmetapher zu sein) sei reines Wasser, während Gedanken und Emotionen aufgewühlter Dreck seien, der dieses Wasser trübt (34, 38, 58, 73, 76, 105, 144, 260). All das sind zwar keine Argumente, aber sie können wie welche wirken, denn wer will schon unnatürlich, schmutzig und krank sein?

Diese Natürlich-Unnatürlich-Unterscheidung ist ein zentrales Merkmal vieler Ideologien. Die der eigenen Ideologie passenden Aspekte werden als natürlich, die anderen als unnatürlich markiert. Diese Markierung wirkt vielleicht sympathisch oder fühlt sich richtig an, ist aber nur willkürlich festgelegt. Wer einer anderen Ideologie anhängt, kann das Ganze umdrehen und sagen: Manchmal ist der Mensch gut, aber eigentlich ist er böse. Dass man die eigentliche Wahrheit in der Meditation und nicht im Nachdenken findet, wird ebenfalls völlig willkürlich festgelegt. Eine Norm wird als das Natürliche, Eigentliche, Wahre präsentiert. Ein überzeugender Grund wird dafür aber nicht vorgebracht.

Zäh behauptet Ricard, wie auch viele Achtsamkeitsfans, der Buddhismus wäre keine Ideologie. Tatsächlich sei alles andere Ideologie, aber der Buddhismus sei die Wahrheit. Allen Gedanken und Urteilen fehle es an Substanz, man müsse sie loslassen, außer die buddhistischen Gedanken und Urteile, denn die träfen die Wahrheit. Dass das so nicht stimmt, illustriert Ricard unfreiwillig mit einer sehr passenden Metapher, mit der er die Illusionshaftigkeit unserer Alltagswelt umschreiben will: „But just as ice is only solidified water, the solidity we ascribe to the world isn’t its ultimate reality.“ („Aber genau wie Eis nur erstarrtes Wasser ist, ist die Stabilität der Welt nicht ihre ultimative Realität.“) (143). Das Eis/die stabile Welt sei die Illusion, das Wasser/die buddhistische Weltvorstellung die ultimative Realität. Er geht sich hier selber in die Falle, denn: Warum ist das Wasser die ultimative Realität? Warum nicht das Eis? Oder Dampf? Oder eben gar nichts davon? Antwort: Weil das Wasser uns gerade besser passt und wir eben festgelegt haben, dass das Eis die Illusion ist.

Miese Argumente: Wortverdrehungen, Falschaussagen, Verschwiegenes

Illusionen, Ignoranz, Existenz. Der (westliche) Buddhismus verwendet bestimmte Wörter, um die eigene Lehre gut und alles andere schlecht erscheinen zu lassen. Alle Phänomene, die nicht dem Dogma entsprechen (Eis und Dampf sozusagen) seien Illusionen (und nicht einfach auch Aspekte der Welt). Das Selbst sei eine Illusion, die Welt sei eine Illusion, das Böse sei eine Illusion. Wer diese Phänomene als wirklich betrachtet, sei ignorant (und nicht einfach einer anderen Ansicht). Alles, was nicht ewig und unveränderlich sei (Gedanken, Emotionen, Wahrnehmungen), habe keine Existenz.

Auch andere Begriffe werden verwendet, weil sie uns vertraut scheinen, sind aber völlig anders gemeint. So wird viel von Glück gesprochen, wo eigentlich eine totale Unberührbarkeit durch äußere Dinge gemeint ist. Ursache und Wirkung wird als bekannter Begriff angeführt, um die Existenz von Karma zu begründen. Ricard spricht häufig von Analyse, wo Wörter wie Intuition oder manchmal Spekulation angebrachter wären. Was als Wut bezeichnet wird, ist in der Regel blanker Hass oder dumpfe Aggression. (Ist allerdings ein erleuchteter Buddhist wütend, ist das keine Wut, sondern „wrathful compassion“, zorniges Mitgefühl.) Was als Mitgefühl bezeichnet wird, meint in der Regel nicht, dass man jemand anderem zuhört und sich einfühlt, sondern dass man die Person in eine Kategorie („Glaubt an ein Selbst“ oder „Muss Gedanken loslassen“) steckt und ihr die perfekte Lösung, den Buddhismus, nahebringt. Einfühlung ist möglicherweise schon da, aber sie bezieht sich eben nur auf diese zugeschriebenen Aspekte und findet ausschließlich im Rahmen buddhistischer Ideen statt.

Am auffälligsten im Buch finde ich, dass Ricard die buddhistische Meditation an 14 Stellen als „science of the mind“ bezeichnet, obwohl offenkundig ist, dass ihr fundamentale Eigenschaften einer Wissenschaft fehlen. Die Behauptung, der Buddhismus sei quasi eine Wissenschaft und mit anderen Wissenschaften vereinbar, ist ein Teil dessen, was als buddhistischer Modernismus bezeichnet wird: Ein Bild vom Buddhismus, das alles an Ritualen, Aberglauben, magischem Denken als zeitbedingte Zusätze des eigentlichen Buddhismus betrachtet und als nichtig ausschließt. Im Kern sei diese Religion eine Wissenschaft von den fundamentalen Mechanismen des Geistes.[12] Die Mär von der Meditation als Kern der Lehre gehört ebenfalls zum buddhistischen Modernismus. Auch die Behauptung, der Buddhismus kenne so etwas wie Götter nicht, wäre rational, würde nicht mit der Hölle drohen und hinge nicht von unkritischem Glauben ab, ist ein eher neues Phänomen, das in der Forschung auch „protestantischer Buddhismus“ genannt wird und ab Ende des 20. Jahrhunderts entstanden ist.[13]

Wenn es um den tibetischen Buddhismus geht, wird gerne auch einfach gelogen. So propagieren Gestalten wie Matthieu Ricard, Robert Thurman oder der Dalai Lama bei jeder Gelegenheit das Bild vom friedlichen, harmonischen Tibet, das bis zum Einmarsch der Chinesen 1950 quasi das Paradies auf Erden gewesen sei. So seien Tibets Lamas vom Volk immer komplett positiv gesehen worden (132), Tibet laut dem Dalai Lama eine „Gesellschaft des Friedens und der Harmonie“ gewesen. Dass Tibet bis 1951 eine Feudalgesellschaft gewesen ist, in der ein Zehntel der Bauern und Viehzüchter sogar noch versklavt gewesen waren, wird nicht erzählt. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus Analphatbet*innen. Auch ging und geht es im Buddhismus keineswegs so friedlich zu, wie immer getan wird. Abgesehen davon, dass die Gelugpa-Sekte (der der Dalai Lama angehört) im 17. Jahrhundert die bis dahin machthabende Kagyüpa-Sekte per Hegemonialkrieg stürzte, war auch Tibet auch später keineswegs immer so „essentially peaceful“ (159) wie behauptet.

So beschreibt selbst Heinrich Harrer, der in seinem Bestseller „Sieben Jahre in Tibet“ eigentlich ein durchweg positives Bild vom Paradies Tibet zeichnen will, Mönchssoldaten und streitlustige Geistliche.[14] Noch heute wird in Tibet jedes Jahr die Ermordung eines angeblich buddhismusfeindlichen Königs durch einen Mönch gefeiert.[15] Ab 1956 wurden tibetische Kämpfer von der CIA paramilitärisch ausgebildet, 1959 bestand eine Untergrundarmee aus 85.000 Kämpfern. Gewalttätige anti-chinesische Ausschreitungen, die Anfang März 1959 in Lhasa stattfanden, werden vom Dalai Lama als gewaltloser Volkswiderstand bezeichnet.[16]

Neben Falschaussagen weicht Ricard, wie andere Buddhist*innen oder Gurus, an einigen Stellen auch einfach aus. Man bekommt bisweilen den Eindruck, es ginge nur darum, das Gegenüber zu verwirren und bloß nicht auf dessen Anmerkungen einzugehen. Als Revel Ricard darauf hinweist, dass man mit einer Anekdote keine Wunder beweisen kann, antwortet er mit einer weiteren Anekdote (40). Das neunte Kapitel des Buches besteht hauptsächlich daraus, dass Ricard sich um die Frage drückt, warum es anscheinend das Böse gibt, wenn der Mensch doch eigentlich fundamental gut ist.

Ulkig wird es, wenn die beiden über Freiheit diskutieren: Revel hält es für schlecht, dass der tibetischen Unterschicht der Zugang zu anderen Weltanschauungen als dem Buddhismus verwehrt bleibt, worauf Ricard antwortet, ach was, das brauchte man doch nicht, wenn man die Wahrheit besäße, und seinen sanftmütig-totalitaristischen Punkt damit untermauert, dass er ein Gedicht eines „Erwachten“ zitiert (291). Leider verpasst Revel es regelmäßig, an solchen Stellen einzuhaken. Ähnliches lässt sich auch in Frage-Antwort-Runden mit anderen Gurus o. Ä. beobachten, zum Beispiel wenn Thích Nhất Hạnh die Frage, wer für Handlungen verantwortlich sein soll, wenn es kein Selbst gibt, relativ wortreich unbeantwortet lässt, dafür aber auch keinen Widerspruch erntet. Schon die Tatsache, dass jemand als spirituelle Autorität gilt reicht in der Regel, um Leute davon abzuhalten, ihre Aussagen kritisch zu hinterfragen.

Bullshit: Hinkende Vergleiche, Metaphern, Sprichwörter, Strohmänner

Ein weiteres, gern genutztes Mittel, um kritischen Nachfragen auszuweichen, ist es, in Bildern, Vergleichen oder Metaphern zu sprechen. Statt eine Aussage zu begründen, wird ein Sprichwort zitiert. Behauptung: Stolz verhindert Weisheit und Mitgefühl, Begründung: „Just as water doesn’t collect on a mountain peak, true merit doesn’t accumulate on the peak of pride” („So wie sich Wasser nicht auf einem Berggipfel sammelt, sammelt sich wahrer Wert nicht auf dem Gipfel von Stolz“) (227). Behauptung: Man kann die Gesellschaft nur von unten nach oben, also von den Individuen aus, bessern und nicht andersherum, denn: „You can’t make an ingot of gold with a packet of nails.“ („Du kannst aus einem Päckchen Nägel keinen Goldbarren machen“) (293).

Auch hier wird wieder mit Fehlschlüssen gearbeitet. Die Sprichwörter sind in sich schlüssig und irgendwie lassen sie sich schon mit der Sache vergleichen, aber den wirklichen Punkt treffen sie nicht. Die Gesellschaft wird z. B. nicht einfach aus Individuen zusammengeschmolzen, sondern die Gesellschaft beeinflusst auch die Individuen (was Revels Punkt ist, den Ricard konsequent überhört). Das Ganze wirkt wie eine Begründung, hat aber eher etwas mit Konditionierung zu tun, ähnlich wie ein Werbeslogan, der dämlich ist, den man sich aber nach dem zehnten Hören merkt. Sprichwörter sind häufig völlig austauschbar. Zu der Sache mit der Gesellschaft könnte man entgegnen, dass man aus einem Batzen Eisen keine Goldringe herstellen kann und schon ginge das „Argument“ in die entgegengesetzte Richtung. Die Bilder suggerieren eine Analogie, die so nicht vorhanden ist.

Aldous Huxley schildert in „Brave New World” eine Gesellschaft, in der die Menschen nicht mehr frei denken, sondern, wenn es unangenehm wird, mit Sprichwörtern um sich werfen. Ein „man sagt“, statt einem „ich finde“, das zusätzlich dazu führt, dass das Ganze wie ein Verweis auf eine anerkannte Wahrheit wirkt. Zudem wirken die Sprichwörter aufgrund ihrer schwammigen Allgemeinheit so als könnten sie alles erklären. Eigentlich sind sie aber nur platt.

Ein großer Teil von westlichem Buddhismus und anderen esoterischen Ideen ist nichts weiter als Bullshit. Bullshit ist eine Aussage laut Harry Frankfurt dann, wenn der*die Sprechende nicht an der Verfolgung der Wahrheit interessiert ist, aber auch nicht lügt, sondern einfach nur einen bestimmten Eindruck erwecken, z. B. besonders weise wirken will.[17] Das zieht sich durchs ganze Buch und auch durch den modernen Buddhismus, viele Sekten und die Esoterikszene. Man ist nicht interessiert an der Wahrheit, daran, was das Gegenüber vielleicht doch besser wissen könnte. Da man selbst schon alles weiß, versucht man nur, die anderen zu überzeugen und wirft im Zweifel mit völlig unnötigen Metaphern oder Parabeln um sich, die zwar keine Argumente sind, aber das Ganze so framen, dass man selbst der Weise, Erhabene und alle anderen verirrte, ignorante Unwissende sind.

Wer der Überzeugung ist, selbst die absolute, unhintergehbare Wahrheit gefunden zu haben, muss zwangsläufig alle anderen für mehr oder weniger dumm halten. Das wird sehr deutlich, wenn man sich anschaut, wie Leute wie Ricard, Sogyal Rinpoche und sowieso Esoteriker*innen die Welt sehen. Wer wütend ist, könne nur egoistisch sein, der Westen kümmere sich ausschließlich um Belangloses, die einzige Alternative zum buddhistischen Weltbild sei ein trauriges, kaltes, materialistisches. Nicht- oder Andersgläubige scheinen für die begeistert Religiösen an einer Art „spirituellen Behinderung“[18] zu leiden, denn sonst würden sie ja die absolute Wahrheit erkennen. Wer alles Relevante weiß, ist nicht an einer offenen Auseinandersetzung interessiert und kann sich nicht vorstellen, dass das Gegenüber auch irgendetwas von Belang zu sagen hat. Das gilt offenbar auch für den (westlichen) Buddhismus. Wer ihm nicht zustimmt, muss sich völlig verirrt haben und kann nur den mangelhaftesten, kältesten, plattesten Ideen anhängen.


[1] Revel, Jean-François; Ricard, Matthieu: The Monk and the Philosopher. A Father and Son Discuss the Meaning of Life. New York 1998.

[2] Auch das ist ein klassisch religiöses Argumentationsmuster: Die Behauptung, es gäbe zwei Realitäten, die gänzlich unterschiedlich seien und dementsprechend grundverschiedener Methoden bedürfen. I. d. R. ist das einfach nur ein Versuch, zu verhindern, dass religiöse Ideen mit weltlichen Methoden angegriffen werden.
Siehe z. B.: Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft, 4. Auflage. Tübingen 1980, S. 104ff.

[3] Sharf, Robert H.: Buddhist Modernism and the Rhetoric of Meditative Experience. In: Numen, Band 42, Nr. 3, S 241.

[4] Freiberger, Oliver; Kleine, Christoph: Buddhismus. Handbuch und kritische Einführung. Göttingen 2011, S. 267ff; 252f.

[5] Prohl, Inken: Die „spirituellen Intellektuellen“ und das New Age in Japan. Hamburg 2000, S. 81ff.

[6] Sharf, S. 239; 266ff.

[7] Sharf, S. 260.

[8] Taves, Ann: Religious Experience Reconsidered. A Building-Block-Approach to the Study of Religion and Other Special Things. Princeton 2009, S. 8ff.

[9] Pollan, Michael: How to Change Your Mind. What the New Science of Psychedelics Teaches Us About Consciousness, Dying, Addiction, Depression, and Transcendence. New York 2018, S. 331ff.

[10] Das macht die „bad trips“, die auf die Einnahme psychedelischer Drogen folgen können auch so gefährlich: Dass man eine beängstigende Idee für absolut wahr hält.

[11] Bourdieu, Pierre: Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt am Main 1997, S. 157.

[12] Robert Jay Lifton sieht die Präsentation von Dogmen als wissenschaftliches Wissen als einen wichtigen Bestandteil von dem, was man umgangssprachlich „Gehirnwäsche“ nennt. Siehe: Lifton, Robert Jay: Thought Reform and the Psychology of Totalism. New York 2014, S. 427ff.

[13] Freiberger & Kleine, S. 233ff; 418ff.

[14] Barth, Claudia: Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur. Eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen, 2. Auflage. Aschaffenburg 2006, S. 149ff.

[15] Freiberger & Kleine, S. 469.

[16] Barth, S. 152f.
Wie es um die Legitimität dieser und anderer Aktionen steht, ist natürlich eine andere Frage. Gewaltlos waren sie aber nicht.
Zum Thema Buddhismus und Gewalt siehe auch diesen Artikel.

[17] Frankfurt, Harry G.: On Bullshit. Princeton 2005, S. 18ff.

[18] Strenger, Carlo: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Das Leben in der globalisierten Welt sinnvoll gestalten. Gießen 2016, S. 262.

3 Kommentare zu „Kritik am (westlichen) Buddhismus #2: Schlechte Argumente, Unredlichkeit, Bullshit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s