Kritik am (westlichen) Buddhismus #3: Selbstüberschätzung, Naivität, westliche Sehnsucht

Wenn der Buddhismus tatsächlich nur eine Religion unter vielen ist, warum stößt er dann aktuell auf so viel Resonanz? Warum lässt er sich so gut verkaufen? Und an wen?

#1: Fragwürdige Lehre
#2: Schlechte Argumente, Unredlichkeit, Bullshit
#3: Selbstüberschätzung, Naivität, westliche Sehnsucht
#4: Furchtbare Lehre

Wie in Artikel #2 beziehe ich mich hier hauptsächlich auf das Buch „The Monk and the Philosopher“ von Revel und Ricard.[1] Die unbetitelten Seitenzahlen beziehen sich allesamt darauf.

Während es in den letzten beiden Artikeln eher um die Lehre an sich und die dafür verwendeten Argumentationsmuster ging, soll es hier ein bisschen allgemeiner werden. Warum kommt der Buddhismus bei bestimmten Leuten gut an? Welche Leute sind das? Was glauben Buddhisten, gefunden zu haben, das andere Menschen nicht haben? Warum sind sie so gelassen und teilweise unverrückbar überzeugt?

„Nirvana is my happy place” – Die Sehnsüchte des Westens

Für die einen ist alles Fernöstliche tendenziell primitiver Unsinn, für andere ist es ganz interessant, aber auch nicht interessanter als irgendeine andere fremde Kultur, die schöne und hässliche Aspekte hat. Für eine dritte Gruppe hingegen findet sich in Religionen wie dem Buddhismus alles, was uns hier im kalten, mechanistischen Westen fehlt. Der Buddhismus, so wird geglaubt, hat etwas, das wir nicht haben und genau das ist es, was wir brauchen, um unsere Probleme zu lösen.

Die Achtsamkeitsbewegung schließt in Teilen daran an, indem sie ihre Methode als potenzielle Lösung für alles verkauft. Da die bekannten „buddhistischen“ Ansätze auch durchaus harmlos erscheinen und ja tatsächlich Probleme adressieren, die vorhanden sind, gibt es auch kaum Kritik am Buddhismus. Die Unart, eine Religion aus falsch verstandenem Respekt nicht zu kritisieren, scheint auch hier zugange zu sein. Alles scheint so ruhig und erhaben und deshalb wird Kritik als unnötig oder – von einigen Anhänger*innen – als Gemeinheit angesehen.

Die westliche Einstellung gegenüber dem Buddhismus zeigt sich ein Stück weit auch in dem Buch von Revel (Philosoph, Vater) und Ricard (Mönch, Sohn). An Stellen, die geradezu nach Widerspruch oder Empörung schreien, bleibt Revel extrem zurückhaltend. Manchmal wirkt es, als hätte man ihn dafür bezahlt, die offensichtlichsten Widersprüche und Grausamkeiten nicht zu kommentieren. Vor allem konzentriert er sich darauf, Dinge zu sagen wie: „Das ist ganz ähnlich zu dem, was Kant in Bezug auf XY schreibt“ oder „Die Stoiker sagten das auch schon“, als müsste er irgendwie beweisen, dass der Westen auch ein bisschen Kultur hervorgebracht hat. Während Revel oft einlenkt und nachfragt, tut Ricard dies kein einziges Mal. Durchweg hält er die Attitüde vom wissenden Weisen aufrecht, hat für alles eine (scheinbare) Erklärung und auf jeden Widerspruch eine Antwort, auch wenn es oft nur eine Metapher o. Ä. ist. Die Möglichkeit, dass er falsch liegen oder der Buddhismus doch nicht alles wissen könnte, scheint ihm völlig fremd. In 15 von 18 Kapiteln hat Ricard das letzte Wort. In den verbleibenden Kapiteln darf Revel zweimal eine Überleitung machen und einmal zustimmen. Veranstaltungen mit prominenten Buddhisten laufen i. d. R. ähnlich ab. Kritische Nachfragen gibt es kaum und eine Diskussion schon gar nicht, denn was hätte z. B. der Dalai Lama zu diskutieren? Er ist ja der Dalai Lama.

Man hält den Buddhismus im Westen für heilsam, teils gar für ein Allheilmittel. Er hat Einzug gehalten in Ratgeberbücher, Coachings und die Psychotherapie. Wir glauben, der Buddhismus (bzw. vor allem das, was wir dafür halten) könnte uns etwas fundamental Wichtiges geben, ein uraltes (und deshalb aus irgendeinem Grund besonders gutes) spirituelles Wissen. Diese Idee trieb schon Theosoph*innen und Nazis nach Tibet[2] und die Vorstellung von Buddhismus, die daraus entstanden ist, basiert hauptsächlich auf den in den Buddhismus projizierten Sehnsüchten des Westens.[3]

Menschen suchen im Buddhismus und anderen esoterischen Ideen ein Mittel, um mit dem häufig entfremdeten, fragmentierten Leben im Westen zurechtzukommen. Dieses Leben könne ja nicht alles sein, es müsse doch noch irgendetwas geben, eine Art Harmonie, Erfüllung oder Sinn. Statt allerdings kapitalistische Strukturen, entfremdete Arbeit, Herrschaftsgefüge oder unsere mangelhafte Demokratie als Ursachen zu bearbeiten, zieht man sich in Weisheitslehren zurück. Im Gegensatz zu politischem Aktivismus o. Ä. versprechen diese ja nicht nur eine mögliche Lösung, mit der es uns besser gehen könnte, sondern eine endgültige, sichere Lösung, ein Patentrezept für ausnahmslos alles, eine Erleuchtung, einen dauerhaften Zustand, in dem für immer alles gut ist. Kein Leiden, kein Streit, keine komplizierten Angelegenheiten. Hinzukommt, dass sehr viele Menschen ein Faible für alles haben, was irgendwie „exotisch“ oder „orientalisch“ wirkt.

Dass esoterische Sekten, der Buddhismus oder auch nationalistische Ideologien an tatsächlich vorhandene Probleme anknüpfen, macht sie so attraktiv. Dass sie (scheinbar) verstehen, was falsch läuft, erweckt den Eindruck, sie hätten auch verstanden, was die korrekte Lösung ist. Die Ideologien sind in sich geschlossen. Würden ihnen alle folgen, würde die Welt reibungslos funktionieren und deshalb scheinen sie Recht zu haben.

Gerade in Sinnkrisen oder Phasen der Überforderung können solche Lehren Menschen für sich vereinnahmen. Das hat auch nicht unbedingt etwas mit Naivität oder Dummheit zu tun. Sektenexpert*innen gehen davon aus, dass die meisten Menschen in ihrem Leben Phasen durchmachen, in denen sie anfällig für Sekten sind. Für Strömungen, die keine so extreme Hingebung verlangen wie Sekten, gilt das vermutlich umso mehr.

Die Suchenden

Auch wenn es bei Ricard auf den ersten Blick anders aussieht, scheint er aus ähnlichen Motiven zum Buddhismus getrieben worden zu sein. Er ist in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen, kannte Igor Stravinsky, André Breton, Pierre Soulages und andere Geistesgrößen, die im Elternhaus ein und aus gingen. Allerdings fehlte ihm etwas. Die Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Forschungsreisenden etc. waren zwar in ihren Bereichen vielleicht gut, aber sie waren keine perfekten Menschen, hatten teilweise sogar richtige Schwächen (6f).

In seinen Zwanzigern wird dann sein Interesse für den Buddhismus geweckt und zwar nicht durch Kontakt mit der Lehre an sich, sondern durch Filme über Weise. Diese Weisen schienen ihm perfekte Wesen zu sein: „I said to myself, ‚If it’s possible to reach perfection as a human being, that must be it.’” („Ich sagte mir: ‘Wenn es möglich ist, als menschliches Wesen Perfektion zu erreichen, dann muss es das sein‘“) (4f).

Mit einem Freund, der durch die letzten Worte eines Radiobeitrags, in dem behauptet wird, die letzten Weisen wären die tibetischen Lamas, ebenfalls von einem diffusen Interesse für Tibet gepackt wird, reist er nach Indien. Zwar beherrscht er weder die dort gesprochenen, noch die englische Sprache (was er seinem Vater an dieser Stelle auf seltsam patzige Weise vorhält), aber die Eindrücke, die die Landschaft und der Lehrer, bei dem er einige Zeit wohnt, bei ihm hinterlassen, reichen ihm (6ff).

Was ihn zum Buddhismus bringt, (und das betont er explizit und mit Stolz) ist also nicht die Lehre an sich, sondern es sind hauptsächlich Eindrücke und Intuitionen. Auf der Suche nach perfekten Vorbildern hätte er vermutlich auch bei einem Daoisten oder einem liebevollen Katholiken unterkommen können, denn es war hauptsächlich das Charisma, das ihn überzeugte (11). Wie Menschen, die in extremeren Sekten landen, hatte auch er eine Art Krise, auch wenn sie nicht mit dem Verlust eines Menschen, Krankheit oder Armut zu tun hatte. Seine vor ihm liegende Karriere kam ihm ebenfalls relativ sinnlos vor. Möglicherweise war es auch gerade seine privilegierte Stellung mit ihren unendlichen Möglichkeiten, die ihn unglücklich machte, aber das ist nur eine Vermutung.

Was relativ eindeutig ist, ist dass er nach Orientierung und Sicherheit gesucht hat, die es bei den tibetischen Lamas gab, bei der französischen Elite aber nicht. So wirft er im Buch mehrmals der Wissenschaft und der Philosophie vor, dass sie dem Menschen keinen Sinn vorgibt (192). Dass das eher eine Errungenschaft als ein Nachteil ist, kommt ihm nicht in den Sinn.

Er unterwirft sich seinem Lehrer, bleibt zwölf Jahre lang Tag und Nacht bei ihm, hört sich seine Reden an und dient ihm (14). Eine der wichtigsten Dinge in der Beziehung mit dem Lehrer sei es, den eigenen Geist in Harmonie mit dem Geist des Lehrers zu versetzen, denn der Geist des Lehrers bestünde aus Weisheit, während der eigene nur Verwirrung sei (9). Unterwürfigkeit und Gaslighting par excellence. In zahlreichen buddhistischen (und natürlich auch anderen) Sekten sind solche Forderungen Wegbereiter für Missbrauchsskandale. Das eigene Urteil wird als prinzipiell fehlerhaft, illusionär, oder gar krank (128) angesehen und das des Meisters als unfehlbar. Eigene Ansichten werden ausgelöscht, um sie mit den „wahren“ Ansichten des Lehrers und buddhistischen Glaubensinhalten zu ersetzen.

Im Gegensatz zu Menschen, die auf ihr eigenes fehleranfälliges Urteil angewiesen sind, erreicht der den höheren Wahrheiten folgende Buddhist eine absolute Sicherheit. Ricard spricht von einer „inner certainty that nothing and no one can ever take away from me“, einer Sicherheit, die nichts und niemand ihm jemals nehmen kann (14). Er hält das für eine Stärke, jedoch ist es eine der schädlichsten Dinge überhaupt. Überzeugte Nazis, Islamisten oder Menschen, die an einem Wahn leiden, haben auch Überzeugungen, die völlig immun sind gegen Widerspruch. Ein unabänderlicher Glaube (229) ist absolut nichts, worauf man stolz sein sollte, sondern die Basis für Klugscheißerei, Überheblichkeit und Fanatismus.

Die Fündiggewordenen

„[S]ie verstummen, sprechen einen unverständlichen Satz, reden von etwas anderem, behaupten etwas bedingungslos, reden freundlich und gut zu, ohne wirklich vergegenwärtigt zu haben, was man vorher gesagt hat, – und haben am Ende kein eigentliches Interesse. […] Wer im endgültigen Besitz der Wahrheit ist, kann nicht mehr mit dem andern richtig reden – er bricht die echte Kommunikation ab zugunsten seines geglaubten Inhalts.“
Karl Jaspers[4]

Wer eine solche unerschütterliche Überzeugung gefunden hat, muss natürlich nicht mehr diskutieren oder zweifeln. Genau das ist es ja, was Menschen in Sekten, Religionen oder anderen Ideologien suchen: Eine Erklärung für alles, die nicht ständig infrage gestellt wird und immer neu gerechtfertigt werden muss. Ein möglichst umfassendes Auslöschen aller Unsicherheiten. Wenn das das Wichtigste für jemanden ist, rückt die Suche nach Wahrheit gerne in den Hintergrund, bzw. schließen sich, wie Hans Albert schreibt, Gewissheitsstreben und Wahrheitssuche letztendlich sogar gegenseitig aus, weil es zur Wahrheitssuche gehört, immer wieder alles infrage zu stellen.[5]

Ricard hat aber alle Unsicherheiten beseitigt und muss deshalb auch nicht nachfragen, um herauszufinden, was Menschen vom Leben wollen: „Everyone’s goal is to develop the potential for perfection within.“ („Das Ziel eines jeden ist es, das innere Potenzial für Perfektion zu entwickeln.“) (271). Dass viele Leute auch andere Ziele haben, anderen helfen, ihre Kinder möglichst gut erziehen, politische Neuerungen durchsetzen wollen, muss er gar nicht berücksichtigen, da er ja weiß, was sie eigentlich wollen. Und er weiß auch, wie sie dahin kommen: mit dem Buddhismus, der Weisheit bietet, die jederzeit anwendbar (20) und die wichtigste überhaupt ist (270). Eine äußerst nervige Einstellung vieler Buddhist*innen besteht daraus, zu glauben, man bräuchte nichts anderes als den Buddhismus, um alle Probleme zu lösen. So müssten wir laut Ricard beispielsweise nur anerkennen, dass unser Selbst eine „Illusion“ ist und alle (!) unsere Probleme wären gelöst (26, 283). Der Glaube, die eigene Gruppe hätte die Lösungen für alles ist übrigens auch eins der grundlegendsten Merkmale von Sekten generell.

Wer alles weiß, muss seinem Gegenüber natürlich auch nicht zuhören und folgerichtig lässt Ricard das auch konsequent bleiben. Abgesehen davon, dass er prinzipiell kaum eine Denkpause zu brauchen scheint und gerne in vorgefertigten Phrasen/Analogien/Metaphern antwortet, übergeht er teilweise auch ganz deutlich das, was Revel sagt. Häufig interpretiert er seinen Vater so, dass dieser möglichst dumm dasteht, obwohl er gar nichts Dummes gesagt hat (61, 68). Einmal beginnt Ricard einen Satz mit „So in fact, you agree…“ (283) und dreht ihm daraufhin einfach das Wort im Mund herum. An anderen Stellen geht er auf Einwände gar nicht sein, sondern antwortet mit einer Metapher, die den Einwand überhaupt nicht trifft (177) oder wiederholt immer wieder das gleiche (144), weil er sich anscheinend nicht vorstellen kann, dass es erhellend sein könnte, sich mit Revels Einwand wirklich auseinanderzusetzen. Wo hier das Mitgefühl sein soll, von dem Buddhist*innen durchgehend reden, weiß ich nicht. Von Offenheit ganz zu schweigen. Man sucht nicht nach Fehlern im eigenen Denken, sondern ausschließlich nach der Bestätigung der eigenen Ideen (was Ricard ja auch an mehreren Stellen implizit zugibt). 

Diese Unterschätzung Andersdenkender ist etwas, das unter Esoteriker*innen und Buddhist*innen weit verbreitet zu sein scheint. Man glaubt, dass Leuten, die keine metaphysischen Fantasien hegen und keine spirituellen Praktiken betreiben, etwas fehlt, nur weil man sich das eigene Leben nicht ohne denken kann. Auch hier erinnert das Ganze wieder an fanatische Christ*innen, die sich nicht vorstellen können, dass Menschen auch ohne einen Glauben an Gott oder ein Leben nach dem Tod Moralvorstellungen entwickeln, korrekt denken oder zufrieden leben können.

Zweifel gibt es für Ricard absolut gar keine, er wiederholt ständig seine „Wahrheiten“, interpretiert Widerspruch immer so, dass dieser seine Substanz verliert und er mit Strohmann-Argumenten antworten kann. Dennoch hält er sich für skeptisch. Er habe nicht einfach eine religiöse Doktrin akzeptiert, sondern kümmere sich um das Erreichen der absoluten Wahrheit (9). Er scheint zu glauben, diese Selbstzuschreibung würde seine buddhistische Gruppe von anderen Sekten abheben. Auch sein Streben nach einer unerschütterlichen Überzeugung (228) scheint ihm nicht in Kontrast mit seiner Selbsteinschätzung zu stehen. Deutlich wird das, wenn er behauptet, die buddhistischen Prinzipien könnten gar nicht infrage gestellt werden, da sie mit der „wahren Natur der Dinge“ korrespondierten, aber zwei Absätze später behauptet, er würde immer alles infrage stellen (275). Dass seine „Beweise“ für Reinkarnation und Karma absolut nicht als solche bezeichnet werden können, sollte er als promovierter Wissenschaftler eigentlich bemerken. Er scheint es aber einfach glauben zu wollen und sein Nachfragen reicht höchstens bis an die Grenze der religiösen Dogmen.

Und ständig dieser Lärm! – Billiger Kulturpessimismus

„Alles, was i ned versteh, des is ka Kunst und fürs WC!“
Erste Allgemeine Verunsicherung: Nie wieder Kunst

Hat man erst einmal „realisiert“, dass der Buddhismus im Gegensatz zu allen anderen Denkrichtungen die absolute Wahrheit kennt und Antworten für ausnahmslos jeden Bereich bietet, merkt man natürlich, wie furchtbar der Westen ist. Konzeptionelles Denken, kalte Rationalität, unglückliche, selbstsüchtige, isolierte Individuen, Gier, Machtstreben, Pluralismus und das alles auch noch ohne Meditation. Pfui. Ein Haufen oberflächlicher Irrer, die Wissenschaft betreiben und Krankheiten heilen, statt einfach spirituell an ihnen zu wachsen, wie es sich gehört.

Auch hier ergeht sich Ricard wieder in billigen Anschuldigungen, womit er in seiner Buddhismusblase allerdings keineswegs alleine ist. Nur im Westen sei die Philosophie eine Disziplin wie jede andere auch. Seit dem 17. Jahrhundert ist sie quasi nutzlos, da sie nichts hervorgebracht hat, das dem Leben einen Sinn geben kann (137). Der Philosoph geht nach Hause und lebt dann genauso wie sein Anwalt oder Zahnarzt, ohne dass das, was er lehrt, irgendeinen Einfluss auf sein Leben hätte (101). Das scheint Ricard einfach zu wissen, weil er alle Philosoph*innen der Welt kennt und auch alle Zahnärzt*innen, die offenbar allesamt äußerst unziemliche Leben führen. Kaum jemand im Westen kümmere sich wirklich um andere Menschen (195).

Wenn man liest, was Ricard über die Wissenschaften sagt, könnte man meinen, sie seien eine Art platter Freizeitbeschäftigung, die ausschließlich Banalitäten und Atombomben hervorbringt. Es sei ja für uns völlig unerheblich, zu wissen, ob die Erde flach oder rund ist (13). Dass wir Krankheiten heilen können, ist ganz nett, aber wozu leben, wenn man nichts mit Spiritualität am Hut hat? „The West has produced antibiotics that save human lives, and Tibet has spent its time giving meaning to existence” (“Der Westen hat Antibiotika produziert, die Menschenleben retten und Tibet hat seine Zeit damit verbracht, dem Dasein eine Bedeutung zu geben“) (137). Ich weiß nicht, ob man über diese schreiend ignorante Arroganz lachen oder weinen soll. Als wäre es eine Art Gimmick, dass Menschen nicht mehr an einer Grippe verenden, als wäre es unwichtig, sich darum zu kümmern, dass möglichst wenige Kinder elendig an Krebs oder sonst etwas sterben. Alles das ist für Ricard bedeutungslos, solange man keiner spirituellen Idee anhängt. (Auf das Verhältnis des Buddhismus zu Krankheiten gehe ich in Artikel #4 noch ein.) Überhaupt sei Wissenschaft ja nur der kleinste gemeinsame Nenner des Wissens und man müsse sich überhaupt keine Mühe geben, ihre Erkenntnisse zu erlangen, im Gegensatz zum edlen kontemplativen Pfad, der für die faulen, oberflächlichen Wissenschaftler*innen nichts ist (287f). 

Weniger grausam aber umso peinlicher ist sein Medien- und Kunstverständnis und auch das teilt er sich mit vielen anderen Buddhismusvertreter*innen, beispielsweise Sogyal Rinpoche oder D. T. Suzuki. Das Fernsehen sei voller Gewalt. Mike Tyson war der bestbezahlteste Sportler der Geschichte und der Boxsport sei ja nichts anderes als Gewalt. Diese Gewalt springe dann aus dem Fernsehen in die Realität über, ganz ohne Zweifel („There’s no denying…“) und niemand nähme es auf sich, das endlich zu zensieren, weil alle Produzent*innen – natürlich – nur dem Geld hinterherhecheln würden. Dass an dieser Idee (fiktive Gewalt verursacht reale Gewalt) durchaus enorme Zweifel bestehen, weiß er nicht und er fragt auch gar nicht nach. Interessanterweise nennt er Sex mehrmals im selben Atemzug mit Gewalt (251). 

Die westliche bzw. „gewöhnliche“ Kunst („ordinary art“) entspringt laut Ricard einer oberflächlichen Jagd nach Originalität, einer Überbewertung der Persönlichkeit, dem Schaffen einer imaginären Welt. Im edlen Gegensatz dazu kümmert sich die buddhistische Kunst um die richtige Welt, die Natur der Realität. Gewöhnliche Kunst ziele darauf, die Leidenschaften zu erregen, während buddhistische Kunst einen Zugang zu spiritueller Weisheit schaffe. Gerade moderne Kunst würde ja nur wegen der Persönlichkeit der Künstler*innen ausgestellt und sei ansonsten völlig wertlos. Empört erzählt Ricard von einem Künstler, der einen Haufen gestohlener Artikel ausgestellt hat und von einem anderen, der einfach eine ganze Leinwand blau angemalt hat[6]. Das sei doch keine Kunst (272f)! Es erinnert mich an das Stammtischgerede von wegen „Das könnte ich auch!“ Dass es auch einen anderen Zugang zu Malerei gibt als die Bemühung, irgendetwas möglichst komplexes, möglichst feines o. Ä. zu malen, scheint völlig an ihm vorbeigegangen zu sein. Dass solche Kunstwerke nicht nur entstehen, weil der Künstler zeigen will, wie geil er ist, kann sich Ricard ebenfalls nicht vorstellen. Für ihn macht der Westen eine Art subjektiv verzerrter, angeberischer Kunst, während der Buddhismus eine echte, wahre Kunst schaffe, und das natürlich aus einer völlig objektiven Perspektive.

Auch hier bedient er sich wieder einer Menge unfairer Framings. Wer sich keinem spirituellen Pfad verschreibt, tue dies aus Faulheit. Wenn von nichtspirituellen Problemen die Rede ist, denkt er nicht an sterbende Kinder oder hungernde Familien, sondern an einen Banker mit finanziellen Problemen (191). Wissenschaft trüge viel zu unwesentlichen Bedürfnissen bei: „You can travel faster, see further, go up higher, go down lower, and so on.” („Du kannst schneller reisen, weiter sehen, weiter nach oben und weiter nach unten gehen.“) (134). Dass daraus auch die Computer entstanden sind, auf denen er seine Weisheiten tippt, dass man in Tibet ohne „westliche“ Fortschritte immer noch an den banalsten Krankheiten sterben würde, ist ihm egal.

Auch das ist eine beliebte Strategie bzw. ein ehrlicher Glaube unter Esoteriker*innen oder Sektenmitgliedern: Die westliche Zivilisation (die zweifellos kritikwürdig ist) wird als kalt, egozentrisch und irgendwie von den wahren Wurzeln entkoppelt dargestellt. Der einzige Ausweg sind natürlich die eigenen spirituellen Angebote. Dass zwar die Fehler erkannt werden, aber diese Angebote keineswegs alles lösen, sondern eher den Status Quo bestätigen (alles Karma) und tatsächliche Veränderungen nur aufschieben, kommt nicht in den Sinn. Die vorgeschlagenen Lösungen seien ausschließlich in der (heiligen, authentischeren) Vergangenheit zu finden und die Probleme lägen nicht in gesellschaftlichen Strukturen, sondern ausschließlich im (spirituell behinderten) Individuum. Dass Pop-Buddhist*innen sich nicht um gesellschaftliche Angelegenheiten scheren, merkt man schon daran, dass sie auch mal auf dem Weltwirtschaftsforum, bei Banken oder in Kochshows auftauchen.

Dass zu der Behauptung, gesellschaftliche Probleme seien nur individuelle Schwächen  immer auch eine ordentliche Portion Ignoranz bezüglich des eigenen Standpunkts gehört, zeigt das Klientel, das sich von Ratgeberbüchern, Coachings und Lehren dieser Art inspirieren lässt. Ricard scheint keine Ausnahme zu sein: Ein gesunder, gebildeter, weißer Mann aus bürgerlichem Haus, der in seinem Leben vermutlich nie finanzielle Probleme hatte, verbringt einige Jahre in einer Universität und sein restliches Leben hauptsächlich in Retreats oder Klöstern und kommt dann an, um anderen Menschen zu erzählen, wie das Leben funktioniert. Dass er, wie alle Menschen, einen Großteil möglicher Lebenswelten nicht kennt, ist verzeihlich. Dass er sich aber nicht einmal dafür interessiert, sondern glaubt, alles nötige schon zu wissen, nicht.

Das Gerede über die Unwichtigkeit materieller Güter kommt verdächtig oft aus den Mündern von Menschen, denen es an solchen Gütern nie gefehlt hat. Die Trennung von Geistigem und Materiellem und die damit einhergehende Idealisierung des Geistigen (hier z. B. 137) wird selten von Menschen vorgenommen, die vor Hunger nicht mehr klar denken können.[7] Ricards fröhlich-gelassene Ergüsse in Bezug auf gesellschaftliche Umstände und materielle Bedürfnisse sind nicht nur apodiktisch und unreflektiert, sondern auch zynisch.

Penisse in Schlangen stecken/Die Rolle der Frau

Auffällig, aber nicht überraschend, ist die konsequente Abwesenheit von Frauen. Im Buch tauchen sie kaum als unterdrückte Gruppe auf (außer an zwei Stellen, wo auf den Dalai Lama verwiesen wird, der obligatorischerweise Gleichberechtigung fordert), die Diskussion um die Frage, wie es z. B. um buddhistische Nonnen steht, wird umgangen und dass Ricard und Revel beide von einem männlichen Standpunkt aus die Welt betrachten, wird zumindest von Ricard genauso wenig reflektiert wie andere Privilegien. Gelegentlich werden Frauen als Mütter erwähnt (z. B. als Mutter, die ihr Kind schlägt, weil das okay ist, solange sie es gut meint).

Zweimal, dort wo sie nicht gerade Mütter sind, werden sie als Objekte sexueller Begierde erwähnt (82, 278), was zu einem weiteren Punkt führt, der in westlichen Lobgesängen über den Buddhismus bestenfalls wegerklärt, vorzugsweise aber gar nicht erwähnt wird: Es gibt für buddhistische Mönche 227 Regeln, für Nonnen hingegen 331. Während den Männern selbstverständlich jeglicher sexueller Kontakt verboten ist, müssen die Frauen zusätzlich noch darauf achten, nicht die sexuellen Begierden der Männer zu erregen. Wie in jeder sexfeindlichen Kultur wird auch hier die „Schuld“ für die männliche Erregung bei den Frauen gesucht. Bevor man mit einer Frau ganz alleine ist, soll man lieber giftige Schlangen berühren[8], bevor man seinen Penis in eine Frau steckt, solle man ihn lieber in Schlangenmünder oder glühende Kohlen stecken. Weibliche Sexualität wird, auch in den kanonischen Schriften, als böse Versuchung dargestellt, als raffgierige Macht, die vom korrekten Pfad ablenken soll.

Mönche werden als Teil des Pfades zur Erleuchtung (dhamma) beschrieben, während Frauen Verkörperungen des Kreislaufs aus Tod und Wiedergeburt (samsara) sind. Die regelmäßig vorgebrachte Behauptung, der Buddhismus sei egalitär oder gar feministisch, ist ebenso eine Fantasie wie die Idee von der „eigentlichen“ Lehre, die nur durch kulturelle Umstände verschüttet und nun von westlichen Buddhist*innen wieder ausgegraben wurde. Etwas weniger misogyn und besser reformierbar zu sein als Christentum, Islam oder Judentum ist noch lange kein Feminismus.

Im Gegensatz zur Darstellung des Buddhismus als sanfter Religion und im Kontrast zu dem (tendenziell wohl wahren) Klischee, dass sich eher Frauen zu modernem Yoga und ähnlichem hingezogen fühlen, strotzt er an einigen Stellen nur so vor toxischer Männlichkeit. Wie auch sehr viele andere philosophische/ideologische Strömungen möchte die buddhistische Lehre die ganze Welt anhand einiger weniger Prinzipien erklären, komplett und für immer. Uneindeutigkeit, Vergänglichkeit oder Unperfektes müssen eliminiert werden. Da man glaubt, das alles erreicht zu haben, gibt man sich entsprechend apodiktisch und manchmal überheblich. Das betrifft nicht nur Ricard oder Sogyal Rinpoche, sondern meiner Meinung nach auch schon den Buddha selbst, der mir, wenn er seine Ideen als „edlen Pfad“ bezeichnet und ähnliches, ähnlich arrogant vorkommt wie Jesus (was aber auch an der Übersetzung liegen kann).

Besonders eindrücklich finde ich das unablässige Streben nach persönlichem Fortschritt und absoluter Unabhängigkeit. Man soll jede Anhaftung, alle Bedürfnisse und Emotionen loslassen und einen Bewusstseinszustand erreichen, der gegen Einflüsse aus der Umwelt völlig immun ist. Egal was mir passiert, ich bleibe unberührt. Das buddhistische Ideal ist eine Art einsamer Wolf, der zwar mit anderen Menschen zu tun hat und ihnen „hilft“, aber keine engeren Beziehungen zu ihnen eingeht, seine Liebe immer allgemein hält und sich keine Neigungen erlaubt. Deutlich wird das in der Geschichte von Saṅgāmajī. Dieser hatte (wie der Buddha) seine Familie verlassen, um Mönch zu werden. Als er Sāvatthī (ein buddhistisches Zentrum) besucht, um den Buddha zu treffen, kommt plötzlich seine Frau mit seinem Sohn angelaufen. Sie bittet Saṅgāmajī, zurückzukommen und sich um sie zu kümmern, da sie jetzt einen Sohn hat. Das tut sie drei mal und jedesmal ignoriert er sie. Schließlich setzt sie den Sohn vor ihm ab und geht, woraufhin Saṅgāmajī immer noch nichts tut. Weder spricht er mit dem Jungen, noch schaut er ihn an. Er bleibt völlig kalt. Nachdem seine Frau umgekehrt ist und den Sohn wieder mitgenommen hat, lobt der Buddha Saṅgāmajī dafür, dass er sich weder über ihr Kommen gefreut, noch über ihr Gehen getrauert hat. Die Ehefrau habe schlechte Manieren, aber Saṅgāmajī sei ein wahrhaft Erleuchteter.

(Das alles abgesehen davon, dass Buddhas Ziehmutter ihn laut Pali-Kanon drei Mal um die Errichtung eines Nonnenordens bittet und er drei Mal ablehnt, bevor er dann einwilligt.)

Nicht nur die Liebe, sondern auch (körperliche) Bedürfnisse sind für den Buddhismus nur eine weitere Anhaftung. Man muss das alles loslassen, völlig unberührt von allem sein, dann ist man am Ziel. Teilweise wirkt das alles auf mich wie eine Art spiritueller Schwanzvergleich. Wer lässt sich von äußeren Umständen am Wenigsten beeindrucken? Wer kann länger im Lotussitz ausharren? Wer erreicht eher die „Perfektion“? Ricard erzählt von Yoga-Meistern, die in der Winterkälte sitzen, meditierend ihre Körpertemperatur erhöhen und damit nasse Tücher auf ihren Schultern trocknen ohne zu erfrieren. Das funktioniert tatsächlich, ist ziemlich beeindruckend, aber auch nicht relevanter als die Fähigkeit, besonders schnell ein Instrument spielen zu können oder Extremsport zu betreiben Es geht nur darum, besonders viel Kontrolle über möglichst alles zu haben und bloß nicht von Bedürfnissen oder Emotionen bewegt zu werden. Auch die Art, wie viele Buddhist*innen (z. B. Ricard im vorliegenden Buch) auf Nachfragen oder Kritik reagieren, zeugt eher von einem Willen, Recht zu behalten, also möglichst viel spirituelle Erhabenheit zu zeigen.

Ebenso wenig Unterschied zu normalsterblichen, westlichen Männern zeigt sich beim Dalai Lama, wenn es um Frauen geht. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, dass eine Frau in seine Fußstapfen tritt, antwortete er in bester Stammtischmanier, dass das schon ginge, aber sie müsse schon hübsch sein, sonst hätte das nicht viel Sinn. Erst einige Zeit und mehrere Nachfragen später entschuldigte er sich für diese Aussage, die er schon 1992 einmal getätigt hatte. In seiner Dankesrede für den International Freedom Award bezeichnete er sich kurzerhand als Feminist („Isn’t that what you call someone who fights for women’s rights?“), äußerte aber kurz darauf Dinge, die sehr deutlich zeigen, dass er sich über den Feminismus wohl kaum informiert hatte. Er rief Frauen dazu auf, eine mitfühlendere Welt zu erschaffen und zu führen (so als ob die Machtlosigkeit der Frauen an ihrer mangelnden Motivation liege und sie seine Aufforderung bräuchten), denn Frauen seien aufgrund ihrer Biologie (!) naturgemäß mitfühlender. Leider hätten manche Feminist*innen zu viele Emotionen, die ihm nicht gefallen. Es hätte schon gereicht, den Wikipedia-Eintrag zu Feminismus zu lesen, um herauszufinden, dass solche altväterlichen, ignoranten Aussagen Teil des Problems sind und nicht die Lösung.

Dass es auch im Buddhismus dutzende Missbrauchsfälle gibt[9], scheint nur logisch, wenn man sich vorstellt, dass diese sexistische Ignoranz auf fanatische Bewunderung, die Forderung nach Unterwerfung und Menschen in existenziellen Krisen trifft. Oft genug werden solche Vorfälle auch noch verteidigt, eben mit dem Argument, das sei alles Karma und die Vorwürfe beruhten auf den falschen Wahrnehmungen der Schüler*innen.

Weisheit?

„Wisdom is the most disgusting thing you can imagine. Wisdom is the most conformist thing you can imagine.”
Slavoj Žižek

Wenn man nicht, wie es sich im Buddhismus gehört, davon ausgeht, dass alles, was ein Meister sagt oder tut, weise ist, kommen einem seine Vertreter alle recht durchschnittlich vor. Abgesehen davon, dass Ricard manchmal davon träumt, das Grab von Mao Tse-tung in die Luft zu sprengen (207), kommt er mir auch sonst nicht wirklich weise vor, fast so wenig wie der Dalai Lama. Mehrmals im Buch wirkt er ziemlich passiv-aggressiv und besserwisserisch (7, 98, 134, 135, 285), wenn er z. B. die Ideen seines Vaters als „trend of thinking“ bezeichnet oder ihm ständig die dümmsten Argumente in den Mund legt. Er urteilt andere Ansichten völlig unreflektiert ab, offensichtlich ohne sich damit auseinandergesetzt zu haben. Er hört nicht zu und wiederholt ständig seine Schlagwörter und Metaphern.

Die Offenheit, die sich Buddhist*innen gerne zuschreiben, scheint auch oft genug nur eine Pose zu sein. Letztendlich ist der einzig wahre Weg der buddhistische, allenfalls sind noch andere Religionen okay, aber nur, weil sie im Kern angeblich das gleiche Ziel haben. Als Beispiel für buddhistische Offenheit bringt Ricard bezeichnenderweise den Dalai Lama, der ganz ohne Murren akzeptiert hat, dass die Erde rund und nicht trapezförmig ist (244). Ricards ganze Argumentation (und damit ist er keineswegs alleine und es scheint niemanden zu stören) ist voller Bestätigungsfehler und falscher Schlüsse.

Ich frage mich, wo das vielbeschworene Mitgefühl ist, wenn ich lese/höre, wie bewunderte buddhistische Meister ihrem Gegenüber nicht einmal zuhören können, Fragen umgehen und Gegenargumente kleiner machen als sie sind. Wie weise oder mitfühlend ist jemand, der sich nicht einmal vorstellen kann, dass an den Ideen der Diskussionspartner auch etwas dran sein könnte? Ricard und seine Kollegen wirken oft eher wie Motivationscoaches als wie mitfühlende, an ihren Mitmenschen interessierte Personen.[10] Aber warum sollten sie auch interessiert sein? Es gibt den einen richtigen Weg und entweder jemand geht ihn oder eben nicht. 

Wie die Begriffe Mitgefühl oder Weisheit scheint auch der vielbeschworene Altruismus nur ein Label zu sein. Es geht ja eben nicht darum, anderen Menschen das zu geben, was sie brauchen, denn sie wissen ja gar nicht, was das ist. Ihr Geist ist verwirrt und die Erleuchtung weit weg, sie sehen die Welt nicht so, wie sie wirklich ist. Statt ihnen zu geben, was sie brauchen, gibt man ihnen, wovon man selbst glaubt, sie würden es brauchen: die Lehre. Kranke sollen nicht in erster Linie Medizin bekommen und Sterbende nicht von ihrem Schmerz erlöst werden. Das Ganze ist so altruistisch wie der Versuch, Schwule zu heilen. Man fragt nicht nach und interessiert sich nicht für die Lebenswelt des Gegenübers, sondern weiß schon über alles Bescheid. Diese Art von Hilfe ist eine Hilfe, die die Anpassung an die eigenen Dogmen zur Bedingung hat und unabhängig davon nicht funktioniert.

Ich weiß weder, was an der im Westen vertretenen Lehre, noch was an der Einstellung der Meister besonders weise sein soll. Dass man aufhört, Fragen zu stellen, bedeutet nicht, das man alle Antworten gefunden hat.


[1] Revel, Jean-François; Ricard, Matthieu: The Monk and the Philosopher. A Father and Son Discuss the Meaning of Life. New York 1998.

[2] Zum Beispiel Helena Blavatsky, Autorin der „Geheimlehre“, des Grundlagenwerks der Theosophie (zu deren Szene der Dalai Lama regen Kontakt pflegt), Heinrich Himmler oder der Rassekundler Bruno Berger, der im Zuge einer Expedition der SS in Tibet nach Überbleibseln einer „nordischen Rassenseele“ suchte.

Goldner, Colin: Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs. Aschaffenburg 1999, S. 85ff.

[3] Interessant hierzu: Prohl, Inken: California ‚Zen‘: Buddhist Spirituality Made in America. In: Amerikastudien/America Studies, Jahrgang 59 (2014), Ausgabe 2, S. 193 – 206. 

[4] Jaspers, Karl: Der philosophische Glaube, 6. Auflage. München 1974, S. 61.

[5] Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft, 4. Auflage. Tübingen 1980, S. 33f.

[6] Eventuell meint er Bilder wie Barnett Newmans Onement V oder VI oder vermutlich Yves Kleins Monochrome. Dass dieser Art von Gemälden unter Umständen eine lange Entwicklung, eine Menge Gedanken und keineswegs nur eitle Absichten vorausgehen, scheint Ricard absolut nicht zu interessieren.

[7] Wobei es durchaus auch vorkommt, dass Menschen aus schlechteren Verhältnisse glauben wollen, diese seien unwesentlich und alles sei nur eine persönliche Schwäche. Ohnmacht ist nichts Angenehmes.

[8] Goldner, S. 76.

[9] Genannt seien hier nur Sakyong MiphamShi Xuecheng und Sogyal Lakar.

[10] Das mag auch daran liegen, dass Buddhist*innen glauben, sie könnten völlig vorurteilsfrei mit Menschen mitfühlen, also auch hier die Realität an sich sehen. Würden sie einsehen, dass auch ihr Mitgefühl (egal wie gewiss sie sich damit sind) eine Projektion ist, die mehr oder minder zutreffend sein kann, würden sie vielleicht eher mal zweifeln und nachfragen, statt ihr eines Konzept als die Realität des Gegenübers zu betrachten.

2 Kommentare zu „Kritik am (westlichen) Buddhismus #3: Selbstüberschätzung, Naivität, westliche Sehnsucht

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