Kritik am (westlichen) Buddhismus #4: Furchtbare Lehre

Gleichmut, Mitgefühl, Altruismus – diese Begriffe verbinden wir gemeinhin mit dem Buddhismus. Schaut man sich an, was mit ihnen gemeint ist und worauf das alles aufbaut, wird es weniger blumig.

#1: Fragwürdige Lehre
#2: Schlechte Argumente, Unredlichkeit, Bullshit
#3: Selbstüberschätzung, Naivität, westliche Sehnsucht
#4: Furchtbare Lehre

Die unbetitelten Seitenzahlen beziehen sich wieder auf das Buch „The Monk and the Philosopher“ von Jean-François Revel und Matthieu Ricard.[1]

In den letzten Artikeln ging es darum, welche Aspekte der buddhistischen Lehre fragwürdig, also schlecht begründet oder willkürlich zur Wahrheit erhoben sind, mit welchen Mitteln das Ganze verkauft wird und warum der Buddhismus im Westen teils auf so fruchtbaren Boden fällt. In diesem letzten Artikel soll es um einige grausame Aspekte gehen, die sich aus den buddhistischen Dogmen ergeben und die entweder nicht angesprochen oder rhetorisch so verpackt werden, dass sie harmlos oder gar konstruktiv erscheinen.

Monks don’t cry – Hört doch einfach auf zu leiden

Der Buddhismus möchte uns vom Leiden befreien. Das bedeutet allerdings nicht, dass es ihm darum geht, Ursachen wie z. B. Ausbeutung zu bekämpfen. Dass wir leiden liege ja letztendlich nicht an den Umständen, an der Welt, sondern an uns selbst. Wahrnehmungen würden erst in unserem Geist zu Freude oder Leid übersetzt. Diese Emotionen seien also gar nicht wirklich da. Man müsse sich in der Meditation auf sie konzentrieren, sich fragen, woher sie kommen, worin ihre Existenz besteht, um zu bemerken, dass sie gar nicht an sich existieren, wie „ein Wesen aus Fleisch und Blut.“ Hat man sich das einmal angewöhnt, bemerkt man bei jeder aufsteigenden Emotion, dass sie eigentlich ohne Gehalt ist und ihre Ursache in unserem Geist, nicht aber in der Welt hat (72f).

Abgesehen davon, dass auch hier wieder ideologische Festlegungen als logische Schlüsse dargestellt werden (Warum existieren Emotionen nicht, nur weil sie nicht unabhängig existieren? Warum sollen wir sie aus diesem Grund einfach unreflektiert loslassen?), gehören zu dieser Idee auch einige fragwürdige Annahmen. Es wird davon ausgegangen, dass die Beziehung zwischen der Welt und unseren Emotionen irgendwie willkürlich ist. Ein Ereignis in der Welt wird erst im Geist mit einer Emotion verbunden und diese Emotion sei theoretisch steuerbar, also eigentlich willkürlich. Falls sie „negativ“ ist, ist sie eigentlich immer falsch und muss weg. Dass Emotionen unabdingbar sind, um überhaupt zu leben (Entscheidungen zu treffen, Werte zu akzeptieren etc.), fällt hier irgendwie unter den Tisch.[2] Das gilt vor allem für unangenehme Emotionen, die oft behandelt werden, als wären sie prinzipiell irrtümlich und schädlich.

Natürlich wird auch hierzu wieder die Idee vom Nichtselbst angebracht: Wir empfinden diese unangenehmen Emotionen nur, weil wir an ein unveränderliches, ewiges Selbst glauben, das wir beschützen möchten. Jede Selbst-Verteidigung basiert also auf einer Illusion (dazu weiter unten mehr) und das Leid entspringt nicht den Umständen, gegen die man sich verteidigt, sondern aus der Verteidigung selbst. Dass man auch leiden kann, wenn man nicht an ein solches Selbst glaubt, hält man anscheinend für unmöglich.

Grausam ist diese Idee deshalb, weil sie alle für ihr Leid selbst verantwortlich macht: „The world in itself isn’t what’s bad, it’s the way we perceive it that’s mistaken.“ („Die Welt an sich ist nicht das, was schlecht ist, es ist die Art, wie wir die Welt sehen, die fehlerhaft ist.“) (104) Kurz: Wenn es weh tut, nimmst du es nur falsch wahr. An dieser Idee ist so viel falsch und sie ist in Ratgeberbüchern, Motivationsblogs und der Achtsamkeitsbewegung so verbreitet, dass sie einen eigenen Text wert wäre.

Diese Behauptung, die ein Paradebeispiel von Gaslighting ist, wälzt alle strukturellen Probleme auf Individuen ab. Alle Opfer, egal wovon, sind selbst verantwortlich, nicht für die Tat, aber dafür, dass sie diese Tat (die ja an sich neutral sei) als leidvoll empfinden. Die äußeren Umstände könnten nur einen unreifen Geist beeinflussen. Wer aber die (vielbeschworene) wahre Natur der Dinge erkannt hätte, würde bemerken, dass seine Wahrnehmungen falsch waren, wäre viel unverletzlicher und könnte alle Höhen und Tiefen voller Freude nutzen, um auf seinem spirituellen Weg fortzuschreiten (84). Wenn Ricard diese Weisheiten statt bei Google Talks in einer Intensivstation vortragen würde, würde er vielleicht bemerken, wie zynisch sie sind.

Dass die Welt eigentlich, ihrer wahren Natur nach, perfekt sei, wird zwar ständig behauptet, aber nie wirklich begründet. Viel mehr wird hier ein Wunsch zur Wahrheit gemacht. Man möchte die Erleuchtung oder zumindest Seelenruhe erlangen und alles, was dazu beiträgt wird zur absoluten Wahrheit erhoben. Es wird nicht nach der Wahrheit gefragt, die dann unseren Bewusstseinszustand beeinflusst, sondern man wünscht sich einen Bewusstseinszustand (das Nirwana) und alles, was diesem zuträglich ist, wird als absolut wahr angesehen. So hängen wir immer, wenn wir etwas in der Welt als schlecht wahrnehmen, einem Irrtum an und ignorieren die absolute Wahrheit. Folglich ist auch jede „negative“ Emotion nur die Folge einer falschen Wahrnehmung. Wer unglücklich ist, ist ignorant. Der Wunsch nach einer totalen kosmischen Harmonie wird, wie auch in anderen Philosophien, zur Wahrheit gemacht.

Die Idee, dass Glück letztendlich nicht wirklich von äußeren Umständen abhängt, sondern eine Fähigkeit ist, bereitet eine der widerlichsten Stellen im besagten Buch vor, nämlich die, in der es um Suizid geht. Ricard bezeichnet Menschen, die sich das Leben nehmen tatsächlich als schwach und faul (!). Man zerstöre die spirituellen Möglichkeiten, die man hat und verpasse die Chance, aus einer Prüfung (!) etwas zu lernen (238). Folglich sei Suizid nichts weiter als das „ultimative Versagen“ (307). Hier zeigt sich wieder, dass Ricard völlig ignorant ist, was seine Privilegien betrifft und sich kaum mit psychischen Problemen/Krankheiten beschäftigt hat, bevor er seine Wahrheiten dazu in die Welt posaunt. Auch hier merkt man, dass Mitgefühl und Altruismus für Buddhist*innen häufig nichts weiter als hohle Phrasen sind. Sie stülpen ihre Konzepte über die Welt und glauben, alles zu wissen und nicht mehr nachfragen zu müssen. Dass man nach über 20 Jahren buddhistischer Praxis immer noch so kalt sein kann, sagt einiges über diesen „spirituellen Pfad.“

Jedem das Seine – Karma, Wachstum, Victim Blaming

Begründbar ist das alles mit der Lehre vom Karma. Mir widerfahren keine Ungerechtigkeiten und ich bin kein Spielball des Zufalls, sondern alles passiert so, wie es passiert, weil es passieren muss, weil ich es selbst verursacht habe. Was mir zustößt, stößt mir nur aufgrund meiner vergangenen Handlungen in diesem oder einem vorherigen Leben zu. Wenn ich leide, liegt das nur daran, dass ich noch „Schulden“ abzubezahlen habe (236). Das ist aber alles keine Bestrafung, sondern einfach nur eine notwendige Konsequenz.

Offensichtlich ist die Karmalehre auch nur ein weiterer Versuch, dem absurden Leiden irgendeinen Sinn zu geben (und in Anbetracht all der Ungerechtigkeiten nicht den Verstand zu verlieren). Ähnlich wie im Christentum, wo man hofft, dass die Bösen am Ende in der Hölle schmoren[3] und die Guten im Paradies entspannen. Im Gegensatz zur Idee der Reinkarnation, wo immerhin noch Anekdoten als Beweise angeführt werden, ist die Lehre vom Karma völlig aus der Luft gegriffen[4], ein Postulat, um zu erklären, warum wir in bestimmten Verhältnissen geboren werden, warum wir krank werden, warum wir bestimmte Charaktereigenschaften haben etc.

Dafür dass diese Idee nichts weiter als ein völlig widersprüchliches[5] Postulat ist, wird damit ordentlich um sich geworfen. So sagt man in letzter Instanz Depressiven, sterbenden Kindern oder Vergewaltigungsopfern, dass sie an alldem letztendlich selbst schuld sind. Dass man das Ganze dann noch als natürliche Konsequenz statt als Bestrafung darstellt, macht es irgendwie noch grausamer. „If you throw a stone up in the air it’s no good being astonished if it falls back down on your head.” (“Wenn du einen Stein in die Luft wirfst, hat es keinen Zweck, erstaunt zu sein, wenn er dir zurück auf den Kopf fällt.“) (238). Solche Aussagen sind an Zynismus schwer zu überbieten, vor allem, wenn man daran denkt, dass damit vom gestoßenen Zeh bis zum vergasten Juden potenziell alles gerechtfertigt werden kann (was auch getan wird[6]). Wer vergewaltigt wurde oder an Krebs erkrankt, hat das selber verursacht (auch wenn er*sie sich nicht daran erinnern kann). Und wenn die*der Vergewaltigte bzw. Erkrankte das nicht einsieht, wird sie von Buddhist*innen auch noch als ignorant bezeichnet.

„Die Karma-Theorie nützt jenen, denen die heutige Welt so gefällt, wie sie ist“, schreibt Claudia Barth.[7] Auch hier scheinen es wieder vor allem privilegierte Menschen zu sein, die sich um die Grauen der Welt nicht wirklich kümmern wollen und das alles nur allzu gerne auf Konzepte wie das Karma abschieben, ähnlich wie Evangelikale, für die alles eine wohlverdiente Prüfung Gottes ist. Wer leidet, muss eben erstmal Karma abbauen und wer reich und gesund ist hat sich das auch verdient. Die Parallelen zum Neoliberalismus sind offenkundig und so erklärt sich auch die Beliebtheit von (mitunter vorgeblich buddhistischen) Konzepten in der Konzernwelt.

Schmerz ist folglich natürlich nicht einfach Schmerz, sondern eine Möglichkeit für spirituellen Fortschritt. Fast meint man manchmal, es würde von den Leidenden Dankbarkeit für diese Möglichkeit erwartet. Entsprechend verurteilt Ricard natürlich auch die Sterbehilfe. Dass es so etwas überhaupt gäbe, sei Anzeichen eines totalen Mangels an spirituellen Werten, die Menschen fänden ja weder Ressourcen in sich selbst, noch Inspiration von außen. In Tibet könne das nicht passieren, da hätten die Menschen innere Stärke und einen Sinn im Leben (und wie wir wissen, kann Ricard sich nicht vorstellen, dass Nichtbuddhist*innen das auch haben) und könnten ihrem Tod einen Sinn geben (237). Auch dieses Gerede kommt mir wieder furchtbar zynisch und kalt vor. Es scheint ein weiterer Zweck, oder zumindest eine Folge der Karma-Theorie zu sein, nicht wirklich mitfühlen oder Mitleid haben zu müssen, denn die Menschen haben ihr Leid selber verursacht und können jetzt spirituelles Verdienst damit erwerben, also ist im Wesentlichen alles gut und man muss sich keine Gedanken machen.

(Wenn es um die Unabhängigkeit Tibets und das Fehlverhalten der Chinesen geht, hört man übrigens kaum mehr etwas von Karma, das man eben abarbeiten müsse. Bei diesem Thema sind die Täter Täter und die Opfer Opfer.)

Macht kaputt, was euch kaputt macht!

Was sich der Buddhismus ebenfalls mit unbeliebteren Sekten teilt, ist das Versprechen, die Erleuchtung erlangen zu können, wenn man sich nur genug der Lehre (und den Lehrern) hingibt und bereit ist, sein Ich zurückzulassen. Obwohl man nicht wirklich beweisen kann, dass die buddhistische Erleuchtung die Lösung ist, obwohl man sich (entgegen der Darstellungen) keineswegs einig ist, worin diese überhaupt besteht und obwohl man eingestehen muss, dass nur ein ganz kleiner Bruchteil überhaupt jemals als erleuchtet gilt, verkauft man den Leuten die buddhistische Praxis als Allheilmittel, als den Weg zur Wahrheit schlechthin.

Dass die Effekte der Meditation im klassischen Buddhismus kaum eine Rolle gespielt haben[8] erwähnt man eben so selten wie die Möglichkeit, dass das alles nur psychische Wirkungen sein könnten, die mit Wahrheit überhaupt nichts zu tun haben, sondern nur mit gefühlter Gewissheit.[9] Im Gegenteil: Da die Postulate („Es gibt kein Ich“) der Buddhist*innen sich mit denen gewisser Neurowissenschaftler*innen decken, wird dem Buddhismus sogar noch bescheinigt, wissenschaftliche Erkenntnisse vorweggegriffen zu haben. Man lässt Menschen meditieren und verkauft ihnen die (möglicherweise nützlichen) Wirkungen als spirituelle Einsichten, was sie dazu bringt, am Ball zu bleiben.

Was noch viel seltener erwähnt wird, sind die potenziell schädlichen Wirkungen von Meditation und ähnlichen Praktiken, vor allem in Kombination mit buddhistischen Glaubenssätzen. Wissenschaftliche Veröffentlichungen beschränken sich sehr häufig darauf, nach positiven Effekten zu suchen. Die meisten Studien sind methodisch schwach und teilweise arg verzerrt, beispielsweise weil die ausführenden Forscher*innen Fans der Achtsamkeitsbewegung sind. Jedoch kommt es vor, dass Menschen, die buddhistische Praktiken betreiben, Depersonalisierungserscheinungen erleiden, was nachvollziehbar ist, wenn man an die Lehre vom Nichtselbst etc. denkt, die apodiktisch und oft auch in stark vereinfachter Form als Wahrheit verkündet wird. Die Rhetorik der meditativen Erfahrung führt mitunter dazu, dass Menschen die Macht über ihre eigenen Handlungen oder den Sinn für ihre Identität verlieren, wie z. B. in folgendem Zitat berichtet wird:

„[O]n the inside, I was deeply wounded in the sense of my identity. I felt that my identity was threatened. I would walk, and I would feel that I forgot my past. At some point on the retreat, I literally forgot my name. […] I would look at other people and interact with people, and they would say regular things like, ‘Oh, I like that type of ice cream’ or ‘Oh, I like that thing.’ And I remember hearing that, and I’m like: ‘Wait, how do you know that? How do you know what you like and dislike? How do you know who you are?’ It was like I couldn’t figure out who I was, what I like, or who I am. I felt like I had no identity.“

(„Innerlich war ich nachhaltig verletzt, was das Gefühl für meine Identität anging. Ich fühlte, dass meine Identität bedroht war. Ich lief und fühlte, dass ich meine Vergangenheit vergessen hatte. An einem gewissen Punkt während des Retreats habe ich buchstäblich meinen Namen vergessen. […] Ich sah andere Menschen an und interagierte mit Leuten und sie sagten gewöhnliche Dinge wie: ‚Oh, ich mag diese Eiscremesorte‘ oder ‚Oh, ich mag diese Sache‘. Und ich erinnere mich daran, das zu hören und ich so: ‚Warte, woher weißt du das? Woher weißt du, was du magst und nicht magst? Woher weißt du, wer du bist?‘ Es war als könnte ich nicht herausfinden, wer ich war, was ich mochte oder wer ich bin. Ich fühlte mich als hätte ich keine Identität.“)

Urteilsfreiheit, kein Ich, an dem man anhaftet: Man kann solche Erscheinungen durchaus als im Einklang mit buddhistischen Lehren sehen. Aber auch wer keine solchen Schäden davonträgt, tut sich selbst mit buddhistischen Ideen und Praktiken nicht unbedingt etwas Gutes. Wie schon gesagt, scheint der Buddhismus eine der renommiertesten Formen des Gaslighting zu sein. Man redet sich ein, die eigenen Gedanken seien wertlos, weil sie unrein sind und der eigene Geist verwirrt ist. Nur indem man den eigenen Geist mit dem des Meisters synchronisiert, kann man zur Wahrheit gelangen. (Auch hier wieder ganz analog zum guten Christen, der sein Urteil loslassen und Gott an dessen Stelle setzen soll.) Unangenehme Gedanken muss man nicht durchdenken, sondern loswerden, genauso wie „negative“ Gefühle (263). Diese Gedanken und Gefühle sind, wie Ricard sehr oft sagt, wie Dreck, der klares Wasser trübt.

Der Buddhismus, und deshalb ist er auch so beliebt, führt zu absolutem Konformismus. Alles ist Schicksal, alles ist mein Fehler. „A Buddhist thinks of himself as ill, the Buddha as the doctor, his teachings as the treatment, and spiritual practice as the process of getting cured.” (“Ein Buddhist sieht sich selbst als krank, den Buddha als Doktor, dessen Lehren als Therapie und die spirituelle Praxis als Prozess der Heilung an.“) (128). Das eigene Urteil spielt gar keine Rolle, da es schon im Vornherein als verwirrt abgeurteilt wird. Kritik ist folglich unmöglich oder eben nur ein Ausdruck von Unreife. Wer sich mit irgendetwas unwohl fühlt, haftet eben noch zu sehr an weltlichen Dingen an. In seinem Buch zum Thema schreibt Robert Jay Lifton, dass zu „Gehirnwäsche“ immer auch die Einteilung der Welt in rein und unrein und folglich eine Forderung nach Reinheit gehört:

„In the thought reform milieu, as in all situations of ideological totalism, the experiential world is sharpy divided into the pure and the impure […]. The good and the pure are of course those ideas, feelings, and actions which are consistent with the totalist ideology and policy; anything else is apt to be relegated to the bad and the impure. […] All ‘taints’ and ‘poisons’ which contribute to the existing state of impurity must be searched out and eliminated.”[10]

(“Im Gedankenreform-Milieu, sowie in allen Situationen von ideologischem Totalismus, wird die Welt strikt unterteilt in das Reine und das Unreine […]. Das Gute und das Reine sind natürlich die Ideen, Gefühle und Handlungen, die mit der totatlistischen Ideologie und den totalistischen Grundsätzen übereinstimmen; alles andere wird dem Schlechten und Unreinen zugeschrieben. […] Alle ‚Makel‘ und ‚Gifte‘, die zum bestehenden unreinen Zustand beitragen, müssen aufgespürt und eliminiert werden.“)

Auffällig ist, dass auch im Buddhismus von „Giften“ die Rede ist, die eine Person loswerden muss. Ebenso streben Buddhist*innen die eigene Perfektion an. Die Einteilung in rein und unrein ist offenkundig: „negative“ Emotionen, falsche Gedanken verwirren den Geist, trüben das Wasser, während der Glaube an die absolute Wahrheit einen von all dieser Verwirrung befreit.

Man selbst, die eigene Freiheit, die eigenen Gefühle und die eigenen Ansichten werden völlig entwertet. Jedes Einstehen für sich selbst, bei dem nicht zu allererst an buddhistische Grundsätze gedacht wird, wird als egoistisch angesehen. Deutlich wird das zum Beispiel in der buddhistischen Einstellung zur Abtreibung. Diese ist nur erlaubt, wenn die Mutter in physischer Gefahr ist oder das Kind besonders grauenhafte Missbildungen hat. Alles andere (z. B. psychische Gefahren) werden als egoistische Sorgen abgetan.[11] Ricard spricht von „persönlicher Bequemlichkeit“ (170).

Liebe deine Feinde (und hasse dich selbst)

Im Buddhismus hat man immer sich selbst hinten anzustellen. Das klingt erstmal edel, hat aber hier weniger mit Höflichkeit zu tun als mit Selbstaufopferung, und zwar mit prinzipieller Selbstaufopferung. Egal, wie ungerecht sich jemand verhält, ich darf mich nicht einfach so schützen, sondern muss immer sein Wohl mitdenken. Wer sich selbst schützen will, verursacht negative Emotionen und damit Leid (96). Man hat immer, egal in welcher Situation auf jeden Rücksicht zu nehmen. Greift mich jemand mit einem Messer an, darf ich mich zwar wehren, aber nicht einfach aus Angst heraus, sondern immer nur für das Wohl aller.

Auch diese Einstellung lässt sich nur im Zusammenhang mit der Karma-Idee aufrechterhalten: Ich muss alle negativen Emotionen loswerden, um mein schlechtes Karma abbauen zu können. Das Wohlsein anderer ist immer wichtiger als meins (76). Begründet wird das nicht wirklich, es scheint zu reichen, dass es edel und altruistisch klingt. Aber es ist nicht wirklich egoistisch, sich selbst für genauso wertvoll zu halten wie jeden anderen Menschen auch. Eher kommt es mir überheblich vor, immer der Erhabenste, Altruistischste sein zu wollen. Jemandem böse zu sein, ist, falls berechtigt, kein Zeichen von Egoismus oder Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass man jemanden als Person ernst nimmt.

Auch die buddhistische Anweisung, man solle sich auf die „wahre Natur“ einer Person konzentrieren (die natürlich die Buddhanatur, also unendlich gut ist), um zu sehen, dass die scheinbar böse Person eigentlich gut ist, ergibt keinen Sinn. Natürlich steckt in einer Person, die Schlechtes tut, auch das Potenzial, Gutes zu tun. Gerade deshalb sind wir ihr ja böse. Weil sie anders könnte, aber nicht anders will. Kann sie nicht anders, dann ist ihre Handlung auch nicht böse. Dass die gute Seite einer Person ihre „eigentliche“ Natur ist, ist auch nicht leicht zu begründen, aber selbst wenn es so wäre, zwänge das niemanden dazu, ihr nicht böse zu sein o. Ä.

Voller Stolz erzählt Ricard von einem alten Mönch, der 20 Jahre in chinesischen Gefängnissen verbracht hat:

„[T]he Dalai Lama asked him if he’d been afraid during his long imprisonment, which had been interspersed with torture and brainwashing. The monk replied, ‚My greatest fear was to lose my love and compassion toward those who were torturing me.’”

(“Der Dalai Lama fragte ihn, ob er ängstlich war während seiner langen Inhaftierung, die von Folter und Gehirnwäsche durchsetzt war. Der Mönch antwortete: ‚Meine größte Angst war es, meine Liebe und mein Mitgefühl gegenüber denen zu verlieren, die mich quälten‘“) (160)

Auch das klingt sehr edel, ergibt aber nur dann Sinn, wenn man an die Karmalehre glaubt. Ansonsten ist es nur eine Qual für das Opfer, die niemandem hilft. Weder wird es sich gegen Unrecht wehren, noch hat es für die Täter irgendeinen Nutzen, von seiner Wut verschont zu bleiben, eher im Gegenteil. Die Angst, die dieser Mönch hat, ist die Angst, der Doktrin nicht gerecht zu werden. Auch dass der Dalai Lama, wie Ricard ebenfalls stolz erzählt, die chinesischen Unterdrücker, die ihn enthaupten wollen etc., als seine Brüder und Schwestern bezeichnet (203), halte ich für völlig nutzloses Getue. Der einzige Nutzen besteht darin, dass er edel und überlegen wirkt. Was hier auch passiert, ist, dass jede Art von Gewalt als gleich schlecht angesehen wird. Die Gewalt derer, die sich gegen Unterdrückung wehren ist die selbe wie die der Unterdrückenden. 

All das trägt zu einem ungesunden Täterfokus bei: Wir sind die Besseren, eigentlich sind die Täter die Armen, weil sie nicht ihrer Natur entsprechen, dümmer sind als wir und ja nur von ihrer Wut überwältigt werden (28). Wir müssen in jeder Situation Mitgefühl und Liebe für sie haben. Das eigene Leben, der Selbstschutz wird als Anhaftung ans Selbst und folglich als schlecht betrachtet.

Auch die Idee, ich müsse ausnahmslos jeden lieben, legt ein völlig pathologisches Verhalten nahe. Jemand hasst mich, jemand greift mich an, will mir schaden, aber ich liebe ihn, ich muss ihn lieben. Ich muss teilnahmsvolle Freude gegenüber Fremden und Feind*innen spüren und wenn ich meine Liebe auf bestimmte Menschen beschränken würde, würde ich mich damit in einen Käfig setzen und das Ganze sei auch überhaupt keine wahre Liebe. Wahre Liebe beschränke sich nicht auf einzelne (vermutlich meint Ricard hier eigentlich etwas wie Solidarität), denn das wäre wieder egoistisch und am Ende schädlich, weil sie mit der Abwertung von anderen einherginge. Wahre Liebe sei komplett desinteressiert (167).

Auch hier verlangen die Buddhist*innen von der Eigengruppe, dass sie sich als höhere Instanz begreift, das Fehlverhalten aller anderen abfedert und bloß keine Ansprüche stellt. Dass das weder der Eigengruppe noch den Feind*innen wirklich hilft, ist egal. Auch hier werden komplexe Angelegenheiten wieder schmerzhaft vereinfacht: Es wird nicht differenziert zwischen Liebe, Solidarität und Respekt. Schlechte Taten sind plötzlich etwas, das einen Menschen einfach überkommt (je nachdem, wie es passt, denkt Ricard die Menschen entweder frei oder durch Gefühle bzw. Karma determiniert). Entweder man liebt jemanden, oder man hasst ihn. Dass man ihn respektiert, aber für seine Taten verurteilt, scheint nicht denkbar. Dass man nicht auf eine Person als Ganzes wütend ist und ihr Potenzial zum Guten leugnet, sondern dass man wütend ist wegen gewisser schlechter Taten (denn ohne diese Taten wären wir ja auch nicht wütend auf die Person), ebenfalls nicht. Es wird ein künstliches Dilemma aufgemacht: Entweder alle lieben, die wahre Natur des Menschen sehen und sich gut verhalten oder verblendet sein, Menschen abwerten, weil man andere Menschen mehr liebt und zwangsläufig „negative“ Gefühle und Leid erzeugen. Da nimmt man natürlich lieber die edle Alternative, auch wenn sie letztendlich potenziell victim blaming, Missbrauchsskandale und selbstzerstörerisches Verhalten vorbereitet.

Die Entwertung der Welt

Nicht nur die eigene Person wird (zumindest offiziell) als vergleichsweise wertlos betrachtet. Auch die Welt wird völlig entwertet. Sie sei ja eh nur eine Erscheinung. Wahr sei das, was man in der Stille der persönlichen Erfahrung fühle (310). Die Welt sei sowieso nur eine Art Illusion, die wir fälschlicherweise für die Wahrheit halten, also müsse man sich auch nicht allzu sehr mit ihr engagieren. Die wahre Realität sei die innere. Normale Aktivitäten seien für den Weisen wie „Kinderspiele“ (143).

Das Gerede von Altruismus scheint eher ein Alibi zu sein. Zumindest ist es eine merkwürdige Art von Altruismus, andere Menschen überhaupt nicht kennenlernen und auf sie eingehen zu wollen. Man liebt keine Menschen, sondern man liebt Menschen im Allgemeinen, das Individuelle hat ja ebenfalls keinen Wert, weil es nur eine Illusion ist. Auch die anderen Menschen werden also abgewertet. Sie sind keine Individuen, sondern Träger einer ominösen „wahren Natur“, die bei allen genau gleich ist. Individuelle Eigenschaften sind völlig unwichtig.

Da die Welt relativ wertlos ist, muss man sich auch nicht mit ihr auseinandersetzen. Da die wahre Realität in einem selbst steckt, soll man sich zuallererst um innere Angelegenheiten, kümmern. Entsprechend wird politische Aktivität, (medizinische) Forschung, Umverteilung als okay, aber eigentlich unwichtig angesehen. Stattdessen meditiert man, um sich zu „transformieren“, was letztendlich nichts weiter bedeutet, als sich  in Unverletzlichkeit und Seelenruhe zu üben. Letztendlich betäubt man sich. Man lässt sich nicht mehr so leicht (oder im Idealfall gar nicht mehr) von Emotionen berühren, die einen befallen, wenn man Ungerechtigkeiten beobachtet, geliebte Menschen sterben sieht etc. In letzter Konsequenz muss das aber dazu führen, dass man weniger Motivation hat, sich für das Wohl anderer einzusetzen. Man passt sich an alles an und bringt anderen bestenfalls bei, wie sie sich ebenfalls an alles anpassen, alles seelenruhig ertragen können.

Die eigene Unverletzlichkeit, das eigene Glück wird zum höchsten Ziel erhoben. Zwar wird gesagt, dass es hierbei vor allem darum geht, danach anderen helfen zu können, aber wenn das der Fall wäre, würde nicht die eigene spirituelle Praxis und das Loswerden unangenehmer Emotionen über alles andere gestellt, sondern Aktivismus oder Ähnliches. Mit der vielgepriesenen emotionalen Unberührbarkeit findet zwangsläufig eine Entwertung der Umstände statt, die diese Emotionen hervorrufen. Wenn es mir wichtig ist, dass es anderen gut geht, habe ich diesbezüglich starke Emotionen: Ich hoffe, dass ich helfen kann, ich freue mich, wenn es klappt und ich bin wütend, wenn jemand anderen Menschen Schaden zufügt. Bleibe ich völlig ruhig, bedeutet das, dass ich diesem Zweck keinen großen Wert zuschreibe.[12] Hauptzweck ist also der eigene spirituelle Pfad, was in Ricards Buch ebenfalls deutlich wird, auch wenn er häufig von einem abstrakten Altruismus spricht.

Wer so weit „spirituell fortgeschritten“ ist, dass er Freude gegenüber grausamen Menschen fühlt, blendet das Leid aus, das sie verursachen, weil er dieses Leid als Illusion abwertet und die „wahre“, gute Natur dieser Menschen zur einzigen beachtenswerten Realität aufwertet. Wer „joyful at the thought of death“ („erfreut beim Gedanken an den Tod“) (232) ist, entwertet das Leben. Wer seine Gelassenheit in Anbetracht von Ungerechtigkeiten, Ausbeutung, Mord etc. bewahrt, entwertet die Möglichkeit, Gerechtigkeit zu schaffen und betrachtet die unangenehme Realität anderer Menschen als unwichtig, da sie sie ja nur falsch wahrnehmen und man ihnen nur die korrekte Wahrnehmung, den korrekten Umgang beibringen muss.

Wer braucht Freiheit, wenn er die absolute Wahrheit hat?

Eine Gesellschaft voller unberührbarer Menschen, die sich kaum oder gar nicht von ihren Emotionen beeindrucken lassen, würde im völligen Konformismus landen. Sich gegen Angriffe zu wehren, sich politisch zu engagieren ist unbuddhistisch. Wer sich von Hunger, dem eigenen Tod oder Gewalt wütend oder ängstlich machen lässt, wird zwar bemitleidet, aber eigentlich ist er*sie einfach noch nicht reif genug.

Dementsprechend ist es auch mit Freiheit nicht allzu weit her. Zwar wird im Buddhismus oft von Freiheit und Befreiung gesprochen, allerdings geht es dabei um die Freiheit von unangenehmen Emotionen und Anhaftungen. Es ist keine Freiheit zu irgendetwas. Wie auch bei vielen anderen Begriffen wird die Freiheit hier relativ willkürlich verwendet. Jede Ideologie kann irgendwo von Freiheit sprechen.

Eine gesellschaftlich verankerte Freiheit, eine Freiheit vor Unterdrückung, Freiheit, sich zu entfalten etc. hat damit nichts zu tun und steht im Buddhismus auch hinten an. Wichtig ist die „Freiheit“, die der Buddhismus bringt, eine Freiheit davor, Sehnsucht nach Freiheit zu haben. Bevor man sich um politische Freiheit kümmert, soll man sich um die innere „Freiheit“ kümmern. Besonders deutlich wird das im Buch an einer Stelle, wo es um Armut geht. Revel weist darauf hin, dass man für spirituelles Wachstum immer eine materielle Grundlage (genug Nahrung, ein ausreichend langes Leben) braucht, woraufhin Ricard von tibetischen Nomaden erzählt, die ja auch mit wenig Essen auskommen, was aber nicht wichtig sei, denn sie hätten ihre spirituelle Praxis und somit ein wunderbares Leben (289f).

Er setzt also erstens die freiwillige Armut dieser Tibeter*innen mit jeglicher anderen Armut gleich, also auch mit zwangsmäßiger Unterdrückung. Zweitens stellt er die Freiheit vor Ausbeutung etc. hinten an, denn wichtig sei es ja, dass man diese spirituelle Praxis habe, dann brauche man auch keine Freiheit. Wie wenig er von freier Meinungsbildung hält, zeigt Ricard, als Revel folgendes sagt…

„When you talk about Tibetan farmers who experience happiness thanks to Buddhism, it’s not as if anyone’s ever offered them anything else. They can’t go down to the library to read about things and decide one day to convert to being a Presbyterian, or to follow Heidegger’s philosophy. Like Christianity for a European peasant in the Middle Ages, their hand’s rather forced.” (290)

(“Wenn du über tibetische Bauern sprichst, die dank dem Buddhismus Glück erfahren, ist es nicht so, als hätte ihnen irgendjemand irgendetwas anderes gezeigt. Sie können nicht zur Bibliothek runtergehen, um über Dinge zu lesen und sich eines Tages dazu zu entscheiden, zu konvertieren und Presbyterianer zu werden oder Heideggers Philosophie zu folgen. Sie sind Zwang unterworfen wie auch ein europäischer Bauer im Mittelalter.“)

…und Ricard folgendermaßen darauf antwortet…

„I’m not really so convinced that you have to try out everything before you can understand something’s value. Take the example of pure, fresh, thirst-quenching water. Someone drinking it can appreciate how good it is without having to taste all the other different sources of water to be found in the locality. It’s just the same with the joys of spiritual practice and its values – those who’ve tasted them don’t need any other confirmation than their own personal experience.” (290f)

(“Ich bin nicht so überzeugt davon, dass du alle Sachen ausprobieren musst, bevor du den Wert einer Sache verstehen kannst. Nimm das Beispiel von reinem, frischem, durstlöschendem Wasser. Jemand, der es trinkt, kann wertschätzen wie gut es ist, ohne all die anderen Wasserquellen in der Gegend probiert zu haben. Es ist genau das gleiche mit den Freuden spiritueller Praxis und ihrem Nutzen – die, die sie geschmeckt haben, brauchen keine andere Bestätigung als ihre eigene persönliche Erfahrung.“)

…um diese Aussage mit dem Gedicht eines tibetischen Eremiten zu „untermauern.“

Es ist erstaunlich, wie viel Ignoranz in so wenige Sätze passt. Abgesehen davon, dass die persönliche Erfahrung überhaupt nichts beweist, weil sie immer, immer, immer noch interpretiert werden muss und es ja eben darum ging, dass man jemandem alternative Interpretationen vorenthält, verwendet Ricard hier erstens wieder ein unverschämtes Framing: Seine Lehre ist frisches, reines Wasser. Das ist überhaupt nicht gesagt. Wer nichts anders kennt, hält es vielleicht dafür, aber vielleicht trinkt er auch sein Leben lang alte, abgestandene Plörre. Aber herausfinden können soll er das nicht. Ricards Lehre ist die Wahrheit, deshalb kann man die Leute ruhig in Armut und Unwissenheit halten, er weiß ja Bescheid und am Ende sind sie zufrieden und das ist ja das höchste Ziel. Dass vielen Leuten die Wahrheit wichtiger ist als die Zufriedenheit, kommt ihm (und da ist er ja keinesfalls alleine) nicht in den Sinn. Er weiß, was sie brauchen und Ende.

Er weiß, was sie brauchen und alles andere ist unwichtig. Das müssen sie auch nicht selbst entscheiden, der Buddhist weiß schon, dass es für sie nicht wichtig ist und wenn sie etwas anderes sagen, liegt es daran, dass sie spirituell noch nicht reif genug sind. „Everyone’s goal is to develop the potential for perfection within“ (“Das Ziel eines*r jeden ist es, das Potential zur inneren Perfektion zu entfalten”) (271), sagt er und muss dafür auch gar nicht alle fragen.

Ideologien die genau wissen, was „everyone’s goal“ ist, gehen in der Regel auch mit einem entsprechenden Demokratieverständnis einher. Ganz leise klingt das an, wenn Ricard sich mehr Zensur im Fernsehen wünscht, um das Publikum vor fiktiver Gewalt zu schützen und spirituelle Werte aufrechtzuerhalten (251). Eindeutiger ist es bei dem Zen-Mönch Thích Nhất Hạnh, der von einer „buddhistischen Demokratie“ spricht:

„Buddhist democracy is more grounded in the truth, because if you are a teacher and you have much more experience and insight, your vote has more value than the vote of a novice who has not got much insight and experience.”

(“Buddhistische Demokratie ist eher in der Wahrheit verankert, denn wenn du ein Lehrer bist und viel mehr Erfahrung und Einsicht hast, hat deine Stimme mehr Wert als die Stimme eines Novizen, der nicht viel Einsicht und Erfahrung hat.“)

Es muss nicht weiter erklärt werden, dass das hinten und vorne nicht funktioniert und mit Demokratie nichts zu tun hat. Die Alten, „Erfahrenen“ sollen ihre Macht aufrechterhalten, denn sie wissen ja alles besser. Offensichtlich steht auch hier die Freiheit hinter dem Dogma an, denn am meisten zu sagen haben die, „die Wahrheit“ kennen, also die, die im Dogma tiefer drin sind. Interessant ist auch, wie im Buddhismus prinzipiell das Recht der Einzelnen geleugnet wird, da die*der Einzelne ja nur eine Person ist und somit bedeutungslos im Kontrast zur ganzen Gemeinschaft (107). Mit Menschenrechten wird es da schwierig. Aber wenn jeder selber dafür verantwortlich ist, glücklich zu sein, selber an jeglichem eigenen Unglück schuld ist und Selbstbestimmung hinter der Lehre ansteht, wird es mit solchen Dingen zwangsläufig schwierig.

Fazit

Klar ist der Buddhismus ein System, das irgendwie funktioniert. So wie eben jedes System, von Scientology bis zur Nazi-Ideologie irgendwie funktioniert, Fragen beantwortet und von innen irgendwie schlüssig wirkt und deshalb glücklich machen kann. Klar kann man alles akzeptieren und sich in völliger Gelassenheit üben und unabhängig von den Umständen glücklich sein. Die Frage ist nur: Wollen wir das wirklich? Oder: Sollten wir es wollen? Wenn wir uns jemanden vorstellen, der selig lächelt, während er misshandelt wird, sind wir dann neidisch? Wollen wir dahin? Ist Glück/Seelenruhe wirklich das Höchste? Wenn die Welt um mich zerfällt und sich in Korruption, Gewalt, Manipulation, Ausbeutung ergeht, möchte ich nicht durchgehend glücklich und ruhig sein, sondern aufgebracht. Nicht klein und hasserfüllt und auch nicht rund um die Uhr schlecht gelaunt, aber empört, wo Empörung angebracht ist und beunruhigt, wenn es Grund zur Beunruhigung gibt.

Die Abgeklärtheit vieler Buddhist*innen zeigt meiner Meinung nach, wie wichtig es ist, sich auch mal beunruhigen zu lassen, sich auf andere Menschen wirklich einzulassen, ohne schon im Vornherein zu glauben, man wüsste, was sie brauchen. Tut man das nicht, wird man apodiktisch und kalt, wie auch Ricard es zumindest an vielen Stellen im Buch ist. Man sieht daran auch, dass es wichtig ist, das Prozesshafte in der Suche nach Wissen zu akzeptieren. Sobald jemand stehen bleibt und sagt „Jetzt weiß ich für immer Bescheid und muss nicht mehr zweifeln“, wird es potenziell gefährlich.

Das Hauptproblem ist vielleicht nicht, wie der Buddhismus behauptet, Egoismus (oder der Glaube an ein Selbst), sondern die Bereitschaft, sich unkritisch irgendeinem höheren Ziel hinzugeben. Das Problem ist der Konformismus. Das dritte Reich hätte vermutlich nicht so gut funktioniert, wenn alle egoistisch gehandelt hätten. Es hat vor allem so gut funktioniert, weil Menschen sich unkritisch einer Ideologie verschrieben haben, die ihnen eine simple Erklärung für ihr Leid geliefert hat und ihnen gesagt hat, was zu tun sei, weil sie sich ganz selbstlos einem höheren Ziel hingegeben haben. Der Buddhismus ist natürlich nicht mit dem Nationalsozialismus auf eine Stufe zu stellen[13], aber wer zu seiner Weltanschauung so kommt wie westliche Buddhist*innen es tun (unkritisches Akzeptieren undifferenzierter Erklärungen, bedingungslose Hingabe an eine Sache, weil sie sich irgendwie richtig anfühlt, Hingabe an charismatische Führer), kann zu sehr vielen Weltanschauungen kommen. Wer bereit ist, die unangenehmen Aspekte einer Ideologie (beim Buddhismus z. B. die Sache mit dem Karma oder die Geschichte Tibets) als uneigentlich an den Rand zu drängen, ist für sehr vieles empfänglich.

Ja, der Buddhismus ist harmloser als das Christentum und vielleicht in mancherlei Hinsicht nicht so offensichtlich unvertretbar. Aber reicht das? Und wozu nennt man es noch Buddhismus, wenn man sowieso den Großteil des Glaubens weglässt, weil er einem unangenehm ist? Was bleibt überhaupt übrig, wenn man das Irrationale weglässt? Die Ansicht, dass man zu seinen Nachbarn gut sein soll, dass Geld nicht glücklich macht und Egoismus nirgendwohin führt, ist nichts Buddhistisches, sondern relativ banal.

Abgesehen von den genannten einigermaßen grausamen Ideen und fragwürdigen Einstellungen erfüllt der Buddhismus auch beeindruckend viele Kriterien einer Sekte. Aber es scheint kaum jemanden zu stören. Das Lächeln des Dalai Lama beruhigt die Menschen, er macht ein paar platte Witze und sagt ein paar Dinge, die so allgemein sind, dass alle zustimmen können und schon ist man zufrieden. Man pickt sich raus, was man möchte und hat überhaupt eine Schwäche für alles, was irgendwie orientalistisch und mysteriös wirkt, glaubt gerne, dass in Tibet die letzten spirituellen Weisen leben und glaubt, man müsse Dinge bewahren, nur weil sie alt sind. Und wie gesagt: Man sucht Orientierung, Sinn und einen Weg um Entfremdungsgefühle und Ärger loszuwerden. Die Entfremdung und die Gründe für den Ärger wird man damit aber nicht los.

Ich möchte eine fragwürdige Person, von der wir nur dank stiller Post wissen, nicht verteidigen, aber vielleicht würde Siddharta Gautama heute, unter dem Eindruck von Entwicklungen in Astronomie, Evolutionstheorie, Psychologie und politischer Philosophie auch ganz andere Theorien aufstellen.


[1] Revel, Jean-François; Ricard, Matthieu: The Monk and the Philosopher. A Father and Son Discuss the Meaning of Life. New York 1998.

[2] Emotionen sind notwendig, um Entscheidungen zu treffen. Eine Person, die keine Emotionen hat, kann keine eigenen Entscheidungen treffen, weil sie unfähig ist, Konsequenzen zu bewerten. Sie kann allenfalls das ausführen, was ihr von außen vorgegeben wird und z. B. in religiösen Vorschriften bestehen kann.

[3] Es sei angemerkt, dass auch im Buddhismus an Höllen geglaubt wird.

[4] Buddha selbst hat es wohl einfach aus dem Hinduismus übernommen.

[5] Widersprüchlich weil auch die Taten, die andere mir scheinbar aus freiem Willen antun, als karmisch bestimmt angesehen werden (108), man andererseits aber dazu angehalten ist, korrekt zu leben, wofür ein freier Wille nötig ist. Außerdem: Wenn alles, was mir zustößt, Resultat meines Karmas ist, sind alle anderen Menschen nur determinierte Dinge, die mir mein Karma erfüllen, was wieder der geforderten korrekten Lebensweise widerspricht.

[6] Barth, Claudia: Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur. Eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen. Aschaffenburg 2006, S. 191.

[7] Barth, S. 188.

[8] Sharf, Robert H.: Buddhist Modernism and the Rhetoric of Meditative Experience. In: Numen, Vol. 42, Nr. 3, 1995, S. 228 – 283.

[9] So wird z. B. relativ selten die Rolle von Selbstsuggestion in der meditativen Praxis untersucht.
Zum Zusammenhang von Beeinflussbarkeit durch Hypnose und mystischen Erfahrungen siehe z. B.: Lynn, Steven Jay; Evans, James: Hypnotic Suggestion Produces Mystical-Type Experiences in the Laboratory: A Demonstration Proof. In: Psychology of Consciousness: Theory, Research, and Practice 2017, Vol. 4, Nr. 1, S. 23 – 37.
Zur Möglichkeit der wahrnehmungsunabhängigen Entstehung von Glücks- und Gewissheitsgefühlen siehe z. B.: Picard, Fabienne: State of belief, subjective certainty and bliss as a product of cortical dysfunction. In: Cortex 49. 2013, S. 2494 – 2500.

[10] Lifton, Robert Jay: Thought Reform and the Psychology of Totalism. A Study of „Brainwashing“ in China. New York 2014, S. 423f.
Weitere Aspekte, die sowohl in den von Lifton untersuchten Fällen von „Gehirnwäsche“ als auch in der buddhistischen Lehre/Praxis vorkommen, sind: mystische Manipulation (die eigenen Ziele werden als höher dargestellt als alle anderen), der Umgang mit Sprache (bekannte Begriffe werden mit neuen Bedeutungen aufgeladen, die Welt wird mithilfe einiger strikter, ständig wiederholter Schlagwörter kategorisiert, siehe Artikel #2), Aura einer heiligen Wissenschaft (die Ideen der Eigengruppe stehen über allem und sind unanfechtbar wahr).

[11] Im japanischen Buddhismus existiert ein Ritual (mizuko kuyo), bei dem Frauen kleine Bildnisse des Bodhisattvas Jizo stiften, um sich davor zu schützen, von den Geistern Verstorbener heimgesucht zu werden und Schuld abzubauen. Dementsprechend sind in den Figuren oft Entschuldigungen eingraviert.
Freiberger, Oliver; Kleine, Christopher: Buddhismus. Handbuch und kritische Einführung. Göttingen 2011, S. 280.

[12] Siehe hierzu z.B. das Anfangskapitel „Emotions as Judgments of Value“ in: Nussbaum, Martha: Upheavals of Thougt. The Intelligence of Emotions. Chicago 2001, S. 19 – 88.

[13] Wobei einige Nazis z. B. wegen seiner Affinität zu kriegerischer Resilienz durchaus Sympathien für den Buddhismus hatten, auch Verbindungen von Zen und Nationalismus tauchen immer wieder auf.

7 Kommentare zu „Kritik am (westlichen) Buddhismus #4: Furchtbare Lehre

  1. Die eigene Erfahrung
    durch alle Ereignisse
    des meines Lebens

    daraus kann ich keine Skizze
    kein Konzept machen
    für eine gute Lebensführung
    für mich und andere

    vielmehr
    ist der Zweifel
    an mir selbst

    ein guter Wegweiser
    zur eigenen Einsicht
    das Bessere tun
    das andere zu lassen

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  2. Zu Deinem Text kann ich nur sagen, Du vergleichst Äpfel mit Birnen und verwechselst Religion mit dem Ursprung. WÜRDE Jesus Moses oder Budda usw. an einem Tisch sitzen, ich bin überzeugt sie wären sich einig. Nur was die Nachwelt daraus macht und hinein interpretiert ist wirklich Haarsträubend. ES IST EIN UNTERSCHIED was Budda oder Jesus, Moses sagte und was die Kirchen und der Buddismus, die Religionen daraus machen. Wenn man keine Ahnung hat sollte man der Sache nachgehen oder schweigen aber nicht aus Bruchstücke eine eigene Suppe kochen die nicht schmeckt. Auch das 3 Reich hat aus einzelnen Wahrheit eine unwahre Lehre erschaffen. Nichts anderes als Myanmar …..Du selbst tust es auch😉

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    1. Einige Fragen:
      Habe ich etwas über „den“ Ursprung gesagt? Oder nicht eher über die Nachwelt und die Religionen?
      Weißt du über den Ursprung Bescheid?
      Wie kommst du zur Überzeugung, die drei wären sich einig? Was spielt das hier für eine Rolle?
      Warum habe ich keine Ahnung? Weil ich deinem Weltbild widerspreche?
      Das heißt, du setzt den Buddhismus auf eine Stufe mit der zugrundeliegenden Ideologie des dritten Reichs und mit meinen Widersprüchen gegen den Buddhismus?

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  3. Auch wenn ich selber keine Buddhistin bin und bei vorgefertigten „Ideologien“ ohnehin immer etwas kritisch bin, finde ich es doch spannend, wie sehr du hier die westliche nach Außen gerichtete Sichtweise in eine östliche Philosophie hinein projizierst, für die das Innere das Entscheidende ist. Spannend auch, dass du dabei beträchtlichen Ärger auf diese Betonung des Inneren erkennen lässt, und wie wichtig es dir zu sein scheint, dass Menschen über andere Menschen (negativ) urteilen (dürfen).
    Sehr interessant für mich auch das Zitat zum „Gedankenreform-Milieu“. Es ist genau das Denken, was ich derzeit in Politik, Mainstream-Wissenschaft und v.a. Mainstream-Medien wahrnehme bei allem, was z.B. mit Corona oder auch sonst einem etwas anderen Denken gerade im medizinischen Bereich zu tun hat: Solche Gedanken und Ansätze werden vom Mainstream als „unrein“ bzw. „böse“ klassifiziert und gelöscht. Es darf nach der Sicht der westlichen „Wissenschaft“ nur EIN Denken geben, nur eine „Wahrheit“, die sie angeblich verkünden. Wer das kritisiert ist „böse“, wird diffamiert und verfolgt. Wenn ich hier deiner Argumentation gegenüber dem Buddhismus folge, müsstest du gegen solche Löschungen und Verfolgungen erbost aufschreien. Oder bist du hier plötzlich der Meinung, dass es die EINE Wahrheit gebe, und es selbstverständlich gerechtfertigt oder sogar geboten sei, alle anderen Meinungen zu unterdrücken? (Frei nach dem Motto, das Dritte Reich hat so gut funktioniert, weil Menschen sich einer Ideologie verschrieben haben, die ihnen simple Erklärungen geliefert hat und ihnen gesagt hat, was zu tun sei …?) Ich hoffe, du bist über meinen etwas kritischen Kommentar nicht erbost, aber es interessiert mich wirklich … .
    Herzliche Grüße
    Maren

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    1. Naja, es geht mir ja insbesondere um den „westlichen Buddhismus“ und darum, wie er ursprünglichere Buddhismen interpretiert (oder vielleicht verdreht). Über die unzähligen anderen nichtwestlichen Strömungen sage ich nicht besonders viel, weil ich zu diesen kein allzu tiefes Wissen habe. Wobei ich natürlich schon Dinge über den Buddhismus allgemein sage, da ja einige grundsätzliche Dinge (Man muss Anhaftungen loswerden, Leben ist unvermeidlich mit Leid verbunden etc.) schon von ziemlich allen geteilt werden. Aber wie gesagt, vor allem geht es ja, siehe Titel, um die im Westen populäre Interpretation.
      Was du mit der Trennung von Außen und Innen meinst, müsstest du konkreter erklären, sonst kann ich nicht darauf eingehen.
      Dass Menschen über andere Menschen urteilen dürfen, halte ich für ziemlich wichtig, sonst kann ja gegen sämtliche Grausamkeiten nicht angegangen werden, jeder macht halt, was er will, man müsste immer in der Schwebe bleiben, was nicht wirklich möglich ist (und was der Buddhismus letztlich auch nicht durchhalten kann.)
      Deiner Argumentation zum Zitat übers Gedankenreform-Milieu kann ich nicht ganz folgen, möchte aber schon mal anmerken, dass Mainstream-Medien gerade in Bezug auf Corona alles andere tun als EINE Ansicht zu verkünden, im Gegenteil, sie geben selbst den am lausigsten begründeten Meinungen eine Plattform. Ich weiß auch nicht, was wo gelöscht und wer Verfolgung ausgesetzt sein soll. Aber die Diskussion würde ich hier ungern anfangen.
      Grüße zurück

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